„Nur 3 Prozent der weltweiten KI-Firmen haben ihren Sitz in Deutschland“

„Nur 3 Prozent der weltweiten KI-Firmen haben ihren Sitz in Deutschland“

Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, als Basistechnologie des 21. Jahrhunderts die Produktivität in aller Welt massiv zu erhöhen. Ob allerdings alle Länder gleichermaßen von diesen Effekten profitieren, ist fraglich. Denn der Blick auf die regionale Verteilung der Investitionen in KI zeigt eine extreme Ungleichverteilung. „Von 7500 KI-Firmen in aller Welt haben nur 3 Prozent ihren Sitz in Deutschland. Wenn wir uns in Europa nicht stärker um die Werte der KI kümmern, werden wir bald eine KI haben, die Entscheidungen auf Basis amerikanischer oder chinesischer Werte trifft“, warnte Fabian Westerheide vom Risikokapitalgeber Asgard auf dem Empolis Executive Forum in Berlin. Als er kürzlich von Bundestagsabgeordneten zur Künstlichen Intelligenz befragt wurde, lautete die erste Frage, wie die Politik verbieten KI könne. „Wenn alles so bleibt wie es ist, verlieren wir weiter den Anschluss. In der KI sind wir bereits schon in der 70. Minute eines Fußballspiels, in dem Deutschland 0:4 zurückliegt“, warnte Westerheide. Damit bestätigt er eine These von Jürgen Schmidhuber, der schon vor zwei Jahren warnte, dass Deutsche die weltverändernde Kraft der künstlichen Intelligenz nicht erkennen. Zwar gilt Deutschland als exzellenter Forschungsstandort für KI, weshalb viele Digitalkonzerne aus den USA oder China deutsche KI-Experten anwerben. Denn wie so oft hapert es in Deutschland an der Umsetzung des Wissens in erfolgreiche Produkte.

Klarer Weltmarktführer sind die USA, die Heimat von 40 Prozent aller KI-Firmen sind. Zweitplazierter in der Rangliste der 7500 KI-Firmen ist schon China, das seit 2017 sehr stark in die Technologie investiert, um das politische Ziel zu erfüllen, zu den führenden KI-Nationen der Welt zu gehören.

Höhere Investitionen in künstliche Intelligenz sind aber nicht nur aus ethischer Sicht geboten, damit die Algorithmen nicht nur amerikanischen oder chinesischen Kriterien folgen. Diese Investitionen sollten auch im ökonomischen Interesse der Unternehmen liegen: Digitalisierte Unternehmen sind eindeutig wirtschaftlich erfolgreicher als ihre analogen Konkurrenten, sagte Martina Tomaschowski von Empolis.Nach Ansicht von Stefan Wess, CEO von Empolis, kann KI die Entscheidungskosten der Manager um 30 Prozent senken. „Noch nie in der Geschichte hatten wir so viele Informationen zur Verfügung, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Hier kommt KI ins Spiel: Unternehmen erhoffen sich, mit Hilfe der KI bessere Entscheidungen zu treffen“. Die Technik soll die einfachen Entscheidungen automatisieren und damit dem Menschen die Zeit geben, sich mit den wirklich schwierigen Fragen zu beschäftigen. Die Zukunft gehe in Richtung der Entscheidungsautomatisierung. Trotz der Zurückhaltung der Politik ist Künstliche Intelligenz in der Verwaltung durchaus willkommen. Im Bundesverwaltungsamt, das für die Umsetzung der Europäischen Richtlinie zur Fluggastdatenspeicherung auf nationaler Ebene verantwortlich ist, soll KI helfen, mögliche Straftäter unter den 180 Millionen Menschen zu finden, die deutsche Flughäfen pro Jahr nutzen.

„Die Bundesregierung ist beim Thema KI zurückhaltend. Aber im Gesetz steht, dass KI genutzt werden soll. Wir brennen darauf, in Richtung KI zu gehen“, sagte Kai Bürger vom Fachbereicn IT-Verfahren des Amtes. Zum Beispiel soll die Software Anomalien herausfiltern, wenn Menschen ständig ohne Gepäck in ein Land fliegen, aber mit viel Gepäck zurückkommen. Jeder Treffer der Software müsse aber am Ende von einem Menschen begutachtet werden, um Fehler zu vermeiden.

Das automatisierte Call-Center von Vodafone

Beim Telekommunikationsunternehmen Vodafone hilft moderne Software, die Call Center zu automatisieren. „90-95 Prozent der 600 Entscheidungen werden automatisch beantwortet, nur noch 5-10 Prozent bleiben beim Call-Center-Agenten“, sagte Sven Hansen von Vodafone. Perspektivisch soll künstliche Intelligenz helfen, die Anliegen der Kunden schon zu erahnen, bevor diese anrufen. Aus einem gesteigerten Anrufvolumen aus einem Gebiet sollen Störungen ermittelt werden, die beseitigt werden, bevor die Kunden sie erkennen.

Sven Hansen (l.), Elmar Suerbaum

„Wir dürfen aber die menschliche Komponente nie vergessen. Der Kunde möchte gerne mit einem Menschen sprechen. Den Plan, die Menschen in Call-Centern komplett überflüssig zu machen, gibt es bei Vodafone nicht“, sagte Elmar Suerbaum von Vodafone.

28 Tage bis zum Ausfall des Maschinenteils

Über die Schwierigkeiten, den richtigen Anbieter für Prediktive Datenanalyse und Augmented Reality zu finden, berichtete Albrecht Szeitszam, Leiter Service Produktentwicklung beim Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer. „Wir haben 11 Unternehmen unsere Daten gegeben, um den Besten zu finden. Das Spektrum reichte vom Startup bis zu den Big Boys. Dabei haben wir festgestellt: Die vielen Diskussionen um Industrie 4.0 und „Daten sind das neue Öl“ haben viele Schamanen hervorgebracht“. Die Suche nach einem Anbieter, der das Geschäft versteht und wirklich vorhersagen kann, wann ein Teil einer der 5500 im Einsatz befindlichen Druckmaschinen in aller Welt ausgetauscht werden muss, war am Ende aber erfolgreich. Auf seinem Dashboard kann Szeitszam jetzt die Maschinen sehen, bei denen frühestens in 28 Tagen ein Ausfall bevorsteht. Denn 21 Tage dauert es, ein Visum für den Techniker zu bekommen. Der Rest wird für die Reparatur benötigt.

Noch erfüllt die Technik aber nicht alle Anforderungen. „Die Lösungen am Markt zur Augmented Documentation und Augmented Instruction sind bisher noch nicht gut genug“, sagte Seitszam. Einig war man sich in Berlin, dass Augmented Reality aber nur eine Übergangslösung ist, bis das Internet der Dinge automatisch die benötigten Informationen liefert, die auch die technisch aufgerüsteten Menschen mit Datenbrille eines Tages überflüssig machen.

Alle Arbeitsschritte in der Datenbrille

Wie aber Augmented Reality heute nicht nur Informationen über die Wirklichkeit blenden kann, sondern ganze Arbeitsschritte abbilden kann, zeigte Nils Petersen von der ioxp GmbH aus Mannheim. „Die Innovation liegt nicht in der Anzeige, sondern der Inhalteerstellung“, sagte Petersen. Der Anwender bekommt genau angezeigt, an welcher Stelle der Maschine sich das auszutauschende Teil befindet und wie es getauscht wird. Das System erkennt auch, ob der Schritt tatsächlich ausgeführt wurde. Für die Unternehmen liege der Vorteil in bis zu 30 Prozent geringeren „Einlernkosten“, da auch Mitarbeiter ohne Spezialwissen die Technik auf diese Weise beherrschen.

Fotos: Frank Nürnberger

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