Forscher warnen vor doppelter digitaler Kluft in Deutschland

Forscher warnen vor doppelter digitaler Kluft in Deutschland

Die Digitalisierung der Wirtschaft und der Arbeit schreitet voran – aber nicht alle Akteure bereiten sich darauf vor. Deutschland droht daher eine digitale Kluft zwischen hoch- und niedrigqualifizierten Beschäftigten sowie zwischen großen und kleineren Unternehmen, warnt die Deutsche Akademie für Technikwissenschaften (acatech), eines der wichtigsten Beratungsgremien der Bundesregierung und Erfinder des Begriffs „Industrie 4.0“. „Das Management muss Abschied nehmen von der Feinsteuerung von Organisationsabläufen, die Mitarbeiter müssen neue Qualifikationen erwerben“, fordert Bundesbildungsministerin Johanna Wanka und legte gleich einen neuen Bildungspakt auf.

Während Hochqualifizierte extrem begehrt sind und bleiben, steigt die Gefahr des Jobverlustes für ungelernte und niedrig qualifizierte Tätigkeiten in allen Bereichen der Wirtschaft. Eine Untersuchung des Nürnberger IAB hat die Beschäftigungseffekte der Digitalisierung nun erstmals für die gesamte Wirtschaft berechnet. Ergebnis: Zwar werden genauso viele neue Jobs geschaffen wie an anderen Stellen wegfallen, doch die Umbrüche schütteln den Arbeitsmarkt kräftig durch, was nur durch höhere Investitionen in Qualifikation gemeistert werden kann. Die Grafik zeigt, an welchen Stellen Jobs geschaffen werden und wo sie wegfallen.

Erwerbstätigkeit Digitalisierung

Zugleich bleiben viele kleinere und mittlere Unternehmen hinter den großen zurück, zeigen Umfragen von Acatech. „Der digitale Wandel verändert das gesamte Produktionsumfeld und die industrielle Wertschöpfung nachhaltig und tiefgreifend. Insgesamt sehen deutsche Unternehmen bezüglich Industrie 4.0 deutlich mehr Chancen als Risiken für die Wirtschaft und den Industriestandort. Abhängig von der Unternehmensgröße sind jedoch erhebliche Unterschiede zu verzeichnen: Während 78,8 Prozent der Großunternehmen die Potenziale und Vorteile der vierten industriellen Revolution wahrnehmen, sehen KMU mit 59,8 Prozent erheblich geringere Chancen“, schreiben die Wissenschaftler.

Der Wandel in Industrie 4.0 sei in den großen Unternehmen bereits deutlich weiter fortgeschritten als in KMU. Laut IAB-ZEW-Umfrage waren vor fünf Jahren etwa 33,1 Prozent der eingesetzten Produktionsmittel in Großunternehmen indirekt gesteuert oder selbststeuernd, heute beträgt ihr Anteil bereits 41,7 Prozent. In fünf Jahren rechnen die großen Unternehmen mit einem Anteil von rund 46,7 Prozent. Bei den kleinen und mittleren Betrieben waren vor fünf Jahren erst 14,0 Prozent mit indirekt gesteuerten oder selbststeuernden Produktionsmitteln ausgestattet. Der Anteil hat sich inzwischen auf 16,8 Prozent erhöht und wird nach Einschätzung der Unternehmen in fünf Jahren bei etwa 21,0 Prozent liegen. (Zu den indirekt gesteuerten Produktionsmitteln zählen etwa CNC-Maschinen, Industrieroboter oder verfahrenstechnische Anlagen. Als selbststeuernd gelten Produktionsanlagen, bei denen die Technik Arbeitsprozesse weitestgehend selbstständig übernimmt (cyber-physische Systeme). Die letztgenannte Art der Produktionsmittel kann als ein grober Näherungswert für die Umsetzung von Industrie 4.0 in den deutschen Unternehmen herangezogen werden.)

Dabei ist „Industrie 4.0“ ohnehin viel zu kurz gesprungen, da die Digitalisierung weit über die Vernetzung der Fabriken hinausgeht. Das haben auch die Protagonisten des Begriffs inzwischen erkannt. „Wir wollen kleine und mittelständische Unternehmen sensibilisieren. Sie sollten sich nicht nur auf die Industrie 4.0 einstellen, sondern ihre Belegschaften auf allen Unternehmensebenen weiterbilden“, sagte Michael ten Hompel vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik. Derzeit bieten lediglich 23,1 Prozent der von acatech befragten Unternehmen spezifische Aus- und Weiterbildungsprogramme für Industrie 4.0 an. Dabei sind große Unternehmen mit 30,6 Prozent wesentlich besser aufgestellt als kleine und mittlere, von denen nur 17,8 Prozent solche Programme anbieten.