„Das Go-Spiel war der Start für ein rasantes Wachstum der künstlichen Intelligenz“

„Das Go-Spiel war der Start für ein rasantes Wachstum der künstlichen Intelligenz“

Das hatte niemand erwartet. Noch viele Jahre werde das Gehirn eines Menschen den Computern in dem komplexen Brettspiel Go überlegen sein, waren sich die Fachleute vor dem Match einig. Und auch der südkoreanische Go-Weltmeister Lee Sedol war von seinem klaren Sieg und dem Gewinn der eine Million Dollar Preisgeld überzeugt. Doch es kam anders: Der Google-Computer AlphaGo siegte. Sogar ziemlich überlegen mit 4:1. Die Maschine hatte sich in nur wenigen Monaten Trainingszeit selbst Spielzüge beigebracht, auf die zuvor kein Mensch gekommen war. Die Welt der Go-Spieler war über Nacht erschüttert – und für die Erschaffer der künstlichen Intelligenz war der Sieg ihre ganz persönliche Mondlandung, wie AlphaGo-Schöpfer Demis Hassabis jubelte. Für das Wunderkind der KI-Szene, selbst ein exzellenter Schachspieler, bedeutete der Sieg nebenbei auch einen Triumph über den Erzrivalen Facebook. Parallel hatte Mark Zuckerberg seine Entwickler angetrieben, in einem prestigeträchtigen Match den Go-Champion herauszufordern. Doch Hassabis war schneller.

„Welches Problem kann künstliche Intelligenz künftig nicht lösen?“

Der Sieg hat Konsequenzen. Nicht nur für die vielen Go-Profis in Asien, die nun ihre Berufswahl überdenken. Sondern für den Einsatz dieser intelligenten Software in beinahe allen Lebensbereichen. „Wenn die Maschine bei diesem äußerst komplexen Spiel gewinnt, stellt sich mir die Frage, welches Problem künftig nicht gelöst werden könnte“, sagt Stefan Wess, der Chef des IT-Hauses Empolis in Kaiserslautern. Denn die Technik sei kein Hexenwerk. „Der Nachbau ist kein Problem; viele Unternehmen werden das jetzt tun. Das Go-Spiel war der Start für ein rasantes Wachstum der künstlichen Intelligenz“, erwartet Wess. Und ist mit seiner Euphorie nicht allein. Marktforscher gehen von gut 50 Prozent Wachstum im Jahr aus. 2020 könnte der Markt schon fünf Milliarden Dollar schwer sein, sagt die Analysefirma MarketsandMarkets voraus.

Deutsche Forscher in der Weltspitze

Mittendrin: Deutsche Forscher, die in der künstlichen Intelligenz zur Weltspitze gehören. Wie Sebastian Thrun, der für Google das selbstfahrende Auto entwickelt hat. Oder Hartmut Neven, der nun ebenfalls in Diensten von Google einen Quantencomputer baut. Oder Jürgen Schmidhuber, der die Long-Short-Memory-Technik mitentwickelt hat, die heute die Spracherkennung in jedem Smartphone verbessert. Nicht zufällig hat sich Google im vergangenen Jahr beim Deutschen Zentrum für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken eingekauft und Facebook-Chef Mark Zuckerberg gerade eine Berliner Universität mit Supercomputern ausgerüstet. „Es ist kein Zufall, dass sich Google und Facebook hier in Deutschland treffen und an den Unis mit Aktivitäten überbieten. Wir haben viele sehr gute KI-Experten in Deutschland“, sagt Chris Boos, Gründer der Frankfurter KI-Firma Arago.

Auf die Daten kommt es an

Damit die Maschinen sinnvolle Ergebnisse liefern, müssen sie zuvor aber mit Daten gefüttert werden. Ein Beispiel sind Fotos von Krebszellen, mit denen der Computer gefüttert wird, um anschließend schneller und präziser als ein Arzt Krebserkrankungen festzustellen. Und genau hier entscheidet sich, wer am Ende im Markt erfolgreich ist: Ohne eigenen Datenpool nutzt auch die intelligenteste Software wenig. „Es gibt aber relativ wenige große Datenpools und zu wenige Unternehmen arbeiten daran, diese aufzubauen“, kritisiert Boos. Google, Facebook oder Alibaba aus China besitzen solche großen Datenmengen. IBM baut seinen Pool für Watson gerade auf, was aber viel Geld kostet. Vier Milliarden Dollar hat IBM schon ausgegeben, um Gesundheitsdaten zu erhalten. Rund zwei Milliarden Dollar hat der Kauf von Weather.com gekostet, um an die Wetterdaten für die Internet-der-Dinge-Software zu kommen. „Aber in Europa gibt es keinen vergleichbar großen Datensatz. Man kann einen solchen Pool nicht gesetzlich verordnen. Das ist der europäische Ansatz, aber der funktioniert nicht“, kritisiert Boos. Google oder Facebook noch einzuholen, hält er für ohnehin für illusorisch.

Europas Anbieter sollten sich auf Nischen konzentrieren

Europäische Anbieter sollten sich daher auf Nischen konzentrieren. Davon gebe es aber genügend: „Die Wachstumsmöglichkeiten für KI-Experten sind enorm. Da der Bereich so riesig ist, ist es aber wichtig, ein konkretes Thema zu besetzen“. Boos hat zwölf Jahre Grundlagenforschung betrieben und eine Software entwickelt, die fast 90 Prozent der Arbeiten einer IT-Abteilung in einem Unternehmen automatisiert. „Damit wird das Budget um 50 Prozent entlastet und verschafft den Unternehmen Spielraum, um sich für das digitale Zeitalter zu rüsten“, erklärt Boos.

Diese Aussicht auf substantielle Kostensenkung lockt immer mehr Unternehmen an. „Goldman Sachs investiert kräftig in künstliche Intelligenz und lernende Maschinen. Wir stehen aber noch ganz am Anfang der Entwicklung, Geschäftsanwendungen aus dieser Technik zu entwickeln“, sagte Don Duet, Technik-Chef der Bank. Was er damit meint, offenbart ein genauer Blick auf eine der Firmen, in die Goldman Sachs viele Million Dollar investiert hat: Kensho Technologies arbeitet daran, nach und nach die Arbeitsplätze in der Bank durch intelligente Software zu ersetzen. „Innerhalb eines Jahrzehnts werden zwischen einem Drittel und der Hälfte der aktuellen Beschäftigten in der Finanzbranche ihre Jobs an Kensho oder andere Automatisierungssoftware verlieren“, erwartet der Gründer Daniel Nadler. Zuerst waren die Aktienhändler dran, dann die Analysten und bald die Menschen im Außendienst, weil „Robo-Adviser“ künftig die Menschen mit Anlageempfehlungen versorgen. „In zehn Jahren wird Goldman Sachs deutlich weniger Beschäftigte haben als heute“, sagte Nadler.

900 KI-Unternehmen in aller Welt

900 Unternehmen sind inzwischen weltweit auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz aktiv. Neben den Branchengrößen wie IBM, Google, Facebook oder Microsoft sind auch viele Startups auf den Zug aufgesprungen. Mehr als 140 Millionen Dollar sind in das Startup Sentient Technologies, das nach sieben Jahren geheimer Forschung eine Methode entwickelt hat, die rechenintensiven Anwendungen auf so viele Computer zu verteilen, dass die Ergebnisse extrem schnell vorliegen, was zum Beispiel im Aktienhandel benötigt wird.

Wieder sind es die Amerikaner, die am aggressivsten in die künstliche Intelligenz investieren. „Mit dem Risikokapital, das im Silicon Valley in Anwendungen künstlicher Intelligenz investiert wird, kann Deutschland nicht mithalten. In Europa gibt es zwar auch sehr viele sehr reiche Menschen, aber die meisten sehen nicht die ungeheure weltverändernde Bedeutung der KI, und investieren kaum in solche Projekte“, sagt Jürgen Schmidhuber, einer der Leiter des Schweizer KI-Instituts IDSIA. Europas akademische Förderung durch die Steuerzahler liefere zwar tolle Resultate, stehe aber in keinem Verhältnis steht zu den großen Summen, die Amerikas Industrie ins das Thema investiert .

Niemand gibt in Europa eine halbe Milliarde Dollar für ein KI-Labor aus

„Im Gegensatz zu Google gibt hierzulande niemand eine halbe Milliarde Dollar für den Kauf eines KI-Labors aus. Die wahren Konkurrenten der Amerikaner heißen Baidu, Alibaba oder Samsung – und die kommen aus Asien“. In Deutschland gebe es zwar einige Visionäre, aber kaum in den Vorstandsetagen, wo man sich gern vormachte, die Software im eigenen Haus entwickeln zu können. Hoffnung bestehe aber dennoch: „Ich sehe aber zumindest ein extrem vielversprechendes Feld, das die Amerikaner und Chinesen noch nicht wirklich abgedeckt haben, und zwar das Internet der Dinge, welches viel größer wird als das Internet der Menschen – ganz einfach weil es viel mehr Maschinen als Menschen gibt. Die Möglichkeit, KI nun mit der alten doch unglaublich fortgeschrittenen und von Deutschen massgeblich vorangetriebenen Welt des Maschinenbaus zu verbinden, weckt große Hoffnung. Es wäre fein, wenn Deutschland führende Nation im Internet der Dinge werden könnte“.

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