„Deutsche erkennen die weltverändernde Kraft der Künstlichen Intelligenz nicht“

„Deutsche erkennen die weltverändernde Kraft der Künstlichen Intelligenz nicht“

Jürgen Schmidhuber ist einer der besten deutschen Forscher in künstlicher Intelligenz. Im FOCUS-Interview spricht er

  • über die Grenzen intelligenter Computer (Antwort: Es gibt keine)
  • die Aufgabe der Politik, wenn Roboter die Arbeit erledigen (Antwort: Roboter besteuern)
  • über die Versäumnisse deutscher Unternehmen (Antwort: Nicht in künstliche Intelligenz zu investieren)
  • und die große Chance Deutschlands (Antwort: Das Internet der Dinge)

Computer werden immer leistungsfähiger. Wann sind Computer schlauer als Menschen?

SCHMIDHUBER: Die Rechenleistung, die man für einen Euro bekommt, wächst alle zehn Jahre um den Faktor 100. In 30 Jahren beträgt der Faktor also eine Million, in 50 Jahren 10 Milliarden, was in etwa der Zahl der Menschen und auch der Neuronen im Gehirn entspricht. In naher Zukunft werden wir erstmals relativ billige Maschinen haben, die so viel rechnen können wie ein Menschenhirn. Und hält der Trend an, fünf Jahrzehnte später wohl auch welche, die so viel rechnen können wie alle Menschenhirne zusammen. Und danach wird es nicht aufhören, denn die theoretischen physikalischen Grenzen liegen noch fern.

Und was können diese Computer dann leisten?

SCHMIDHUBER: Sogar mit unseren heutigen neuronalen Lernalgorithmen werden solche Rechner in vielen Bereichen Übermenschliches leisten. Jeder Beruf und jeder Aspekt unserer Zivilisation wird davon ergriffen und umgestaltet werden. Manche Roboter werden gar bis zu einem gewissen Grade frei sein und die Welt neugierig durch Experimente erforschen. Ein Baby, das man im Bett festschnallt, wird kein tolles Mitglied der Gesellschaft werden. Dasselbe gilt für lernende Roboter, die die Freiheit brauchen, sich selbst Ziele zu setzen und Dinge auszuprobieren.

Haben Sie Angst vor diesem Tag?

SCHMIDHUBER: Nein, gar nicht. Es wird fantastisch sein zu beobachten, wie KIs sich ins Sonnensystem und darüber hinaus ausbreiten werden, um dabei vielleicht unglaublich ambitionierte gigantische Projekte zu verfolgen. Künstliche Wissenschaftler, die mit Neugier und Kreativität das All erforschen und sich nutzbar machen.

Klingt ja toll. Was bleibt dann für die Menschen noch zu tun? Können wir uns alle zurücklehnen und die Roboter arbeiten lassen?

SCHMIDHUBER: Roboter helfen ja schon längst, die Produktivität der Menschen weiter zu erhöhen. Mustererkennung funktioniert seit kurzem in manchen Bereichen bereits übermenschlich gut. Viele mühselige Jobs, die heute noch von Menschen ausgeführt werden, zum Beispiel das Pflücken von Erdbeeren, sind zwar noch ein wenig zu kompliziert für Roboter. Aber das ist jetzt nur noch eine Frage von Jahren. Es ist leicht, vorherzusagen, welche Jobs verschwinden werden, aber schwer zu prognostizieren, welche neu geschaffen werden. In Südkorea, dem bestvernetzten Land der Welt, sind viele neue Berufe entstanden, die es vor zehn Jahren noch gar nicht gab. Der Homo ludens erfindet sich ständig neue Beschäftigungen, zum Beispiel als professioneller Videospieler. Länder mit vielen Robotern pro Einwohner sind Japan, Südkorea, Deutschland und die Schweiz. Bemerkenswerterweise ist in all diesen Ländern die Arbeitslosigkeit niedrig.

Roboter werden Erdbeeren pflücken. Aber auch die Buchhaltung erledigen und Flugzeuge steuern. Was ist möglich?

SCHMIDHUBER: Die Grenzen des Machbaren sind nicht offensichtlich. Ihr Smartphone wird immer klüger werden und Ihre Stimme und Gestik und Wünsche immer besser verstehen. Oder nehmen Sie den angesehenen Beruf des Arztes. Unsere künstlichen neuronalen Netzwerke lernen heute schon, Histologen zu imitieren, die auf Fotos von menschlichem Gewebe zum Beispiel Krebszellen erkennen. Die Netze werden das bald besser können als die Ärzte selbst. Gibt es nun deswegen bald weniger Ärzte? Nein, statt dessen kommen mehr Menschen in den Genuss einer guten Behandlung, viele davon in Gebieten, wo es heute noch gar keine vernünftige Gesundheitsvorsorge gibt. So wird es laufen.

Aber was passiert mit den Buchhaltern und Sachbearbeitern? Deren Fähigkeiten sind dann nirgendwo mehr gefragt.

SCHMIDHUBER: Alle werden sich immer wieder mal umstellen müssen. Mein eigener Beruf ist dabei keinesfalls immun. In den ersten 20 Jahren des Lebens etwas zu lernen und damit den Rest des Lebens auszukommen, das funktioniert nicht mehr. Ich rate meinen Kindern: Seid immer darauf vorbereitet, etwas Neues zu lernen, und freut Euch drauf.

Wenn die Arbeitsproduktivität dramatisch steigt, werden wahrscheinlich die Besitzer und Programmierer der Roboter steinreich. Aber der Rest hat keine Arbeit. Wie soll das funktionieren?

SCHMIDHUBER: Aufgabe der Politik wird es sein, diesen Umbruch sozial verträglich zu gestalten. In dem Maße, in dem lebensnotwendige Arbeit wie die Produktion von Nahrungsmitteln oder der Wohnungsbau vielleicht mal von Maschinen erledigt wird, muss die Politik dafür sorgen, dass Roboter beziehungsweise ihre Besitzer Steuern zahlen – sonst lehnt sich die Masse auf und löst eine Revolution aus.

Deutschland hat in den ersten beiden Jahrzehnten der Digitalisierung nicht viel auf die Beine gestellt. Wie gut sind wir für die Zukunft mit künstlicher Intelligenz gerüstet?

SCHMIDHUBER: Viele zentrale Erfindungen des Informationszeitalters stammen aus Deutschland, und damit meine ich nicht nur die von so gut wie allen Rechnern verwendete Leibnizsche Binärarithmetik (1679), oder die erste Rechenmaschine (Schickard, 1623), oder Lilienfelds Transistor (1925), oder den ersten programmierbaren Computer der Welt, den Zuse 1935-41 fertiggestellt hat. Auch der grösste Pionier selbstfahrender Autos lebt in München: Ernst Dickmanns hatte schon 1995 einen selbstfahrenden Mercedes, der mitten im Verkehr 180 km/h auf der Autobahn fuhr und selbständig andere Autos überholte. Und unsere Long-Short-Term-Memory Technik, die heute in jedem Smartphone steckt, wurde in meiner Forschungsgruppe zwischen 1995 und 2007 entwickelt. Übrigens mitfinanziert vom deutschen Steuerzahler …

…was dann aber von ausländischen Konzernen wie Apple und Google zu Geld gemacht wurde…

SCHMIDHUBER: Da ist was dran …

Das passiert uns häufig. Woran liegt das?

SCHMIDHUBER: Mit dem Risikokapital, das im Silicon Valley in Anwendungen künstlicher Intelligenz investiert wird, kann Deutschland nicht mithalten. In Europa gibt es zwar auch sehr viele sehr reiche Menschen, aber die meisten sehen nicht die ungeheure weltverändernde Bedeutung der KI und investieren kaum in KI-Projekte.

Setzen unsere Unternehmen auf die falschen Themen?

SCHMIDHUBER: Dafür gibt es bedrückende Beispiele. Siemens schlug einst die Gelegenheit aus, Cisco zu kaufen – später wurde das die wertvollste börsennotierte Firma der Welt. Ich kenne zwar etliche sehr kluge Deutsche mit kühnen Ideen, aber oft hapert es mit der Finanzierung. Europas akademische Förderung durch Steuerzahler lieferte zwar tolle Resultate, steht aber in keinem Verhältnis steht zu den großen Summen, die Amerikas Industrie neuerdings ins Thema investiert . Google wirbt derzeit in Europas Universitäten viele gute KI-Forscher ab. Die wahren Konkurrenten der Amerikaner heißen Baidu, Alibaba oder Samsung – und die kommen aus Asien.

Können wir nochmal aufholen oder wenigstens mithalten?

SCHMIDHUBER: Deutschlands grosse Unternehmen könnten finanziell locker mithalten. Aber im Gegensatz zu Google gibt hierzulande niemand eine halbe Milliarde für den Kauf eines KI-Labors aus. Es gibt schon Visionäre in Deutschland, aber kaum in den Vorstandsetagen, wo man sich gern vormacht: das können wir auch im eigenen Haus entwickeln. Ich sehe aber zumindest ein extrem vielversprechendes Feld, das die Amerikaner und Chinesen noch nicht wirklich abgedeckt haben, und zwar das Internet der Dinge, welches viel größer wird als das Internet der Menschen – ganz einfach weil es viel mehr Maschinen als Menschen gibt. Die Möglichkeit, KI nun mit der alten doch unglaublich fortgeschrittenen und von Deutschen massgeblich vorangetriebenen Welt des Maschinenbaus zu verbinden, weckt große Hoffnung. Es wäre fein, wenn Deutschland führende Nation im Internet der Dinge werden könnte.

Foto: Wolf Heider-Sawall

Hier  noch zwei Vorträge zum Thema:

 

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