„Die New York Times der Millennials“

„Die New York Times der Millennials“

61 Jahre alt ist ein Tagesschau-Zuschauer im Durchschnitt. Beim US- Nachrichtensender CNN liegt der Wert bei 63, die konservativen Fox-News kommen auf 76 Jahre. Junge Menschen interessieren sich also nicht mehr für Nachrichten? Falsch, meint Chris Altchek, einer der Gründer von Mic. Die Website gilt als die „New York Times der Millennials“, also der Gruppe der Menschen, die zwischen 1980 und 1995 geboren wurde. Während die Nachrichtenangebote für junge Menschen in Deutschland oft aus leichtverdaulichen Spaßvideos bestehen, appelliert Altchek an den Intellekt seiner Nutzer. „Die Millennials haben die höchsten Akademiker-Quoten, höher als jede Generation zuvor. Und der Medienkonsum dieser Gruppe ist höher als jemals zuvor. Sie verbringen 4 Stunden am Tag mit ihren Smartphones“, zählt Altchek auf. Sein Fazit: „Unser Zielpublikum sind schlaue Menschen, die sehr viel Zeit mit Medien verbringen. Unsere Konsequenzen: Wir bringen relevante Nachrichten auf den richtigen Kanälen. Wir nähern uns ihrer Welt aus ihrer Sicht“, erklärt der 28-Jährige, der unter anderem Axel Springer als Investor von seiner Idee überzeugt hat.

80 Prozent der Leser besitzen Hochschulabschluss

Offenbar mit einigem Erfolg: 80 Prozent der 30 Millionen Mic-Leser besitzen einen Hochschulabschluss. Das Durchschnittseinkommen liegt schon bei 96000 Dollar im Jahr, obwohl das Durchschnittsalter nur 26 Jahre beträgt. Das New Yorker Start-up erreicht also die junge Elite, die sonst nur schwer im Netz zu finden ist. Das zieht nicht nur Top-Interviewpartner wie den US-Präsidenten Barack Obama an, sondern auch Top-Marken als Werbekunden. Mehr als 40 Dollar bezahlen diese Unternehmen für 1000 Werbekontakte zu den Nutzern, was ein Vielfaches des normalen Marktpreises ist. Daher steckten Investoren zuletzt 32 Millionen Dollar in das junge Unternehmen, um den Katzenbildern noch mehr ernsthafte Konkurrenz zu machen.

Geschichten aus der Sicht der 26-Jährigen

Wie aber erzählt Mic die Nachrichten, damit junge Menschen klicken? „Als wir Präsident Obama über den Iran-Deal interviewt haben, stellten wir fest, dass unser Publikum von den Details des Deals ziemlich weit entfernt war. Millennials lesen weder Nachrichten in den Zeitungen noch schauen sie Nachrichten im Fernsehen. Um die Geschichte relevant zu machen, haben wir sie aus der Perspektive eines 26-Jährigen erzählt: Warum ist das wichtig für junge Menschen? Wir haben einen Millennial aus dem Iran und einen 28-Jährigen Israeli per Video die Fragen stellen lassen. Das spielten wir dem Präsidenten auf einem iPad vor, verknüpft mit den Fragen unseres eigenen Chefredakteurs. Das Ergebnis war spannend und wir konnten die Millennials für ein Thema begeistern, das sie ansonsten kaum beachtet hätten“. Die Details wurden vorher mit vielen Grafiken von Grund auf erläutert. „Mit dem Präsidenten haben wir dann über die Folgen für die Menschen diskutiert, die mit diesem Deal für die nächsten 50 Jahre leben müssen“.

Für Smartphones optimiert

Der zweite wichtige Aspekt des Modells ist die Distribution. „Wenn man sich auf 26-Jährige in großen Städten konzentriert, die den halben Tag auf ihre Smartphones schauen, dann müssen wir unsere Inhalte natürlich darauf optimieren“. Die Texte seien dafür entwickelt, mit Freunden auf Facebook und Twitter geteilt zu werden. „Unsere Videos teilen wir in zwei Gruppen auf: 30-Sekunden-Spots, wenn man nur ganz kurz Zeit hat, und eine längere Form, die zwischen 7 und 15 Minuten dauern. Diese Videos sind eher für den großen Computer oder Apple TV und den Abend konzipiert, wenn die Menschen zu Hause sind“. Mit Videos habe Mic die Zeit, die Menschen auf einem Beitrag verbringen, um 500 Prozent erhöht.

Social Media ist das Herz und die Seele des täglichen Nachrichtengeschäfts

Wichtigster Vertriebskanal sind die sozialen Medien wie Facebook und Twitter. „Mehr als die Hälfte unserer Besucher kommen aus den sozialen Medien. Social Media ist Herz und Seele des täglichen Nachrichtengeschäfts“. 90 Prozent der Mic-Geschichten werden als „Instant Articles“ in voller Länge auf Facebook verbreitet. Seitdem das Netzwerk den Publishern erlaube, im Umfeld dieser Artikel auch eigene Werbekampagnen zu vermarkten, lohne sich das Geschäft.

Zehn Millionen Besucher aus dem Ausland

Mic bekomme zehn Millionen Besucher inzwischen aus dem Ausland. Eine Expansion dorthin kann sich Altchek gut vorstellen, auch wenn es bisher keine konkreten Pläne gebe. „Deutschland ist sehr interessant für uns. Wir lernen gerade, wie der deutsche Markt tickt“. Die Versuche der Publisher in Deutschland sieht Altchek bisher kritisch. „So wie ich den deutschen Markt sehe, haben die klassischen Anbieter hierzulande auch noch nicht das richtige Rezept gefunden, um die jungen Menschen anzusprechen. Das ist eine Gelegenheit für uns, auch wenn der Werbemarkt hier kleiner ist als in Großbritannien oder den USA“.

Die wichtigste Nachrichtenmarke für die junge Generation

In den USA haben viele klassische Marken wie CNN versucht, die jungen Menschen mit neuen Marken zu erreichen. „Aber die TV-Nachrichten erreichen die jungen Menschen schon lange nicht mehr. Die TV-Sender machen einen guten Job für die Menschen über 55 Jahre. Wir versuchen, den Job genauso gut für die Millennials zu machen. Wir wollen die wichtigste Nachrichtenmarke für die junge Generation werden“.

Dazu passend einige Charts aus meiner Medienanalyse, basierend auf den Acta-Daten:

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Die wichtigsten Nachrichtenmedien

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Dazu passend: Mein Vortrag auf dem Stuttgarter Medienkongress.

Foto: Wolf Heider-Sawall

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