“Die Digitalisierung gefährdet die Routine-Jobs der Wissensarbeiter”

“Die Digitalisierung gefährdet die Routine-Jobs der Wissensarbeiter”

MIT-Forscher Andrew McAfee gehört zu den Vordenkern der Digitalisierung der Wirtschaft. Wenn Roboter und künstliche Intelligenz unsere Fabriken steuern, wird der Wohlstand aller Menschen steigen, sagt er voraus. Bis dahin könnte der Anpassungsprozess aber schmerzhaft werden – vor allem für die Arbeitnehmer, deren Jobs schon kurzfristig von Maschinen erledigt werden.

Der Einzug digitaler Technik in die Fabriken wird als vierte industrielle Revolution bezeichnet. Wird es zu ähnlich heftigen Umwälzungen in der Wirtschaft kommen wie bei den drei ersten Revolutionen?

McAfee: Eines ist schon mal sicher: Der technische Fortschritt, der jetzt in die Fabriken einzieht, wird die Produktivität in den kommenden fünf bis zehn Jahren deutlich erhöhen. Unternehmen und Arbeitnehmer werden deutlich produktiver, weil die Versprechungen der Informatiker und Roboter-Entwickler jetzt erfüllt werden.

Was passiert mit den Arbeitnehmern?

McAfee: Viele Arbeitnehmer werden das Tempo der Digitalisierung nicht mitgehen können – sie werden zurückbleiben. Das ist ein ernstes Problem und damit müssen wir uns beschäftigen. Aber die Reaktion kann nicht sein, die technische Entwicklung zu stoppen. Sie kann nicht gestoppt werden.

Bleiben vor allem die Menschen der aktuellen Generation zurück, die in der analogen Welt aufgewachsen sind und mit dem Tempo der digitalen Welt nicht klarkommen?

McAfee: Ich denke nicht. Die jüngere Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist, wird nicht automatisch zu produktiven Arbeiternehmern. Entscheidend ist eine Reform des Bildungswesens, das die Menschen auf diese digitale Welt vorbereitet.

Was also müssen die Politiker tun, um mit dem Fortschritt mitzuhalten?

McAfee: Bildung, Infrastruktur, Förderung des Unternehmertums und Förderung der Grundlagenforschung sind die entscheidenden Punkte. Frustrierend für mich: Zumindest die amerikanische Regierung macht in allen Feldern einen schlechten Job, so dass die Anpassung an die Digitalisierung nicht einfach werden wird.

Ihre Kollegen Frey und Osborne von der Oxford Universität haben berechnet, dass 47 Prozent der Industriejobs in den USA in den kommenden 20 Jahren vom technischen Fortschritt bedroht sind. Welche Jobs sind besonders gefährdet?

McAfee: Die Routine-Jobs der Wissensarbeiter sind besonders gefährdet, zum Beispiel Buchhalter. Auch die meisten, wenn nicht sogar alle Tätigkeiten von Anlageberatern können und sollten Computer erledigen – weil sie darin einfach besser sind als Menschen. Der Ersatz des Menschen durch Maschinen wird die Skala der geistigen Fähigkeiten hinaufklettern. Und natürlich wird es auch in der Produktion zu weiterem Maschineneinsatz kommen. Roboter in Lagerhäusern oder selbstfahrende Autos sind echte Innovationen, die in den kommenden fünf bis zehn Jahren für einige Umwälzungen führen werden. Aber die Gewerkschaften gehen sehr intelligent mit dem Thema um. Sie wissen genau: Sie müssen nun schnell herausfinden, welche Qualifikation die Arbeitnehmer brauchen und was es bedeutet, ein produktiver Arbeitnehmer im zweiten Maschinen-Zeitalter zu sein.

Welche Länder sind auf diese Umwälzungen am besten vorbereitet?

McAfee: Die USA werden im „Second Machine Age“ sicher eine wichtige Rolle spielen. Die letzte Phase in der Geschichte der Industrie, die so spannend war wie heute, war die Elektrifizierung. Die Transformation hat Jahrzehnte gedauert – und am Ende standen andere Unternehmen an der Spitze und nicht mehr England, sondern Amerika war die führende Wirtschaftsmacht. Aber ich glaube, dass Länder wie Deutschland oder Skandinavien am besten auf ihre Menschen aufpassen werden, damit diese den Wandel gut bewältigen.

Die USA haben die besten Internetunternehmen, Deutschland hat die beste Industrie. Wer wird das „industrielle Internet“ gewinnen?

McAfee: Wenn man sich die Geschichte der großen technologischen Umwälzungen anschaut, haben sich meist die Unternehmen durchgesetzt, die besonders stark in der neuen Technologie waren – und nicht die Unternehmen, die in der vorherigen Technik führend waren. Den Kampf zwischen „Zerstörern“ und „Verteidigern“ haben meist die Zerstörer gewonnen. Aber ich sehe auch, dass die deutsche Unternehmen verstanden haben, was hier gerade passiert und dass sie sich bewegen müssen. Selbstzufriedenheit wäre in der aktuellen Situation ganz gefährlich.

Inwiefern spielt die höhere Risikofreude der Amerikaner eine Rolle?

McAfee: Die schlauesten Risikokapitalgeber, die ich kenne, sind heute nicht mehr am Consumer-Internet interessiert. Sie investieren in globale Industrien – und sie nehmen sich die Zeit, die nötig ist. Nehmen Sie Uber als Beispiel.

Wenn wir in einige Jahrzehnten auf die heutige Zeit zurückblicken: Geht es allen Menschen besser?

McAfee: Ja. Langfristig, also auf Sicht von 40 oder 50 Jahre, erfolgt die Transformation in eine „Science Fiction Ökonomie“. Damit meine ich eine sehr wohlhabende Ökonomie, in der die Menschen weniger arbeiten müssen, also trotzdem reich sind.

Das klingt utopisch. Bisher hat technischer Fortschritt zwar die Arbeitsproduktivität erhöht, aber die Arbeit ist nicht weniger geworden. Anders, leichter, aber nicht weniger.

McAfee: Die Arbeitsproduktivität wird dramatisch steigen. Roboter und künstliche Intelligenz werden unsere Fabriken steuern. Unsere Volkswirtschaft wird dann mit viel weniger Arbeitskräften auskommen, die aber extrem gut ausgebildet sind. Der große Rest wird für die Produktion nicht mehr benötigt.

Und was wird der große Rest dann tun?

McAfee: Das weiß ich nicht. Um ihren Lebensunterhalt werden sich die Menschen auf jeden Fall keine Sorgen machen müssen.

Das bedeutet das Ende aller Wachstumssorgen und ein ewig steigendes Bruttosozialprodukt?

McAfee: Nein. Dass eine steigende Produktivität auch ein höheres Sozialprodukt bedeutet, ist vorbei. Der technische Fortschritt hat den Effekt fallender Preise, wie wir es schon in der Musikindustrie oder der Kameraindustrie erlebt haben. Das Leben der Menschen wird besser, aber der Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt dieser Branchen wird kleiner. Das Bruttoinlandsprodukt ist ein lausiger Maßstab, um die Effekte der Digitalisierung zu messen. Der Beitrag von Wikipedia zum BIP ist Null, aber Wikipedia bringt vielen Menschen einen hohen Nutzen.

Andrew McAfee (r.) im Gespräch mit Holger Schmidt

Fotos:  Wolf Haider-Sawall

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