Deutsche Wirtschaft investiert kaum in Industrie 4.0

Deutsche Wirtschaft investiert kaum in Industrie 4.0

„Industrie 4.0“ wird auf der Cebit als „Jahrhundertchance“ gepriesen. Wer will da nicht gerne dabei sein? Schließlich erwarten deutsche Industrieunternehmen einen Produktivitätszuwachs von 20 Prozent aus der Digitalisierung ihrer Produktion, wie eine Umfrage von McKinsey gerade ergeben hat. In den kommenden zehn Jahren müssen dafür 40 bis 50 Prozent des Maschinenparks ausgetauscht werden. Das klingt viel, ist aber im Vergleich mit der dritten industriellen Revolution, der Automatisierung, eher wenig. Damals mussten fast alle Maschinen ersetzt werden.

So richtig begonnen hat die vierte industrielle Revolution allerdings noch nicht, denn die Unternehmen in Deutschland investieren nur sehr zögernd: Nur 15 Prozent der Ausgaben für Forschung und Entwicklung fließen in Industrie-4.0-Projekte, hat die Studie ergeben. Das ist wenig im Vergleich zu den erwarteten 19 Prozent Umsatzzuwachs und auch wenig im Verhältnis zu den US-Industrieunternehmen, die 29 Prozent ihrer Forschungsausgaben in die Digitalisierung investieren, dafür aber auch 30 Prozent Umsatzzuwachs erhoffen. Die Zahlen zeigen, dass die Amerikaner im „Industrial Internet of Things“ den Schlüssel sehen, um ihren Rückstand gegenüber der führenden deutschen Industrie zu verkleinern.

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Die Treiber der Digitalisierung

Vier wesentliche Technologiefelder werden die digitale Entwicklung der Fabriken nach Ansicht von McKinsey vorantreiben:

  • Big Data, IoT, Cloud
  • Künstliche Intelligenz / Machine Learning
  • Mensch-Maschine Interaktion
  • 3D-Druck

1. Big Data, Internet of Things, Cloud

Wegen der fallenden Preise können Sensoren in nahezu alle Produkte eingebaut werden. Erst dann wird das „Internet der Dinge“ möglich, das alle Produkte und Maschinen miteinander vernetzt. Die dabei entstehenden Datenmengen, die heute noch weitgehend ungenutzt bleiben, aber trotzdem für viel Geld gespeichert werden, können dank der wachsenden Rechenkraft in der Cloud verarbeitet werden, was wegen des weiteren Preisverfalls für Rechenkraft für viele Unternehmen wirtschaftlich sinnvoll wird.

2. Künstliche Intelligenz / Machine Learning

Fortschritte in der künstlichen Intelligenz (KI) verbreitern die Einsatzfelder für Maschinen erheblich. Diese können nun mit ihrem Umfeld, also vor allem dem Menschen, interagieren, auf dessen Handlungen reagieren. Diese Entwicklung wird von Technologiefirmen wie IBM (Watson) und Google (DeepMind) vorangetrieben. Was heute noch spielerisch daherkommt, soll aber schon bald produktiv genutzt werden. „Das erste Mal hat jemand ein System gebaut, das direkt aus Erfahrungen lernt…Es entwickelt sich nun von Pixel zu Aktionen und kann dann herausfordernde Aufgaben übernehmen, die sogar Menschen schwierig finden“, erklärt DeepMind-Gründer Demis Hassabis das Beispiel des KI-Agenten, der auf dem Atari gegen Menschen gewann.

3. Mensch-Maschine-Interaktion

Wenn Maschinen und Roboter Hand-in-Hand mit dem Menschen arbeiten, wird die Interaktion eine wichtige Rolle spielen. Bewegungs- und Gestensteuerung sowie Augmented Reality werden weiterentwickelt.

4. 3D-Druck

Die Fortschritte im 3D-Druck machen den Übergang aus der digitalen in die physische Welt einfacher. Die 3D-Drucker können inzwischen sehr viele Materialien verarbeiten und werden ein wichtiger Baustein sein, um das Ziel der „Losgröße 1“ in der digitalen Fabrik zu erreichen. Wohin die Reise gehen kann, zeigt der Online-Händler Amazon, der gerade Patente eingereicht hat, um 3D-Drucker auf Lastwagen zu montieren, um die gewünschten Produkte direkt beim Kunden vor der Haustür herzustellen. Einige Ersatzteile können dann quasi ohne Lieferzeit hergestellt werden.

Die erwarteten Ergebnisse der neuen Technik sind vor allem eine starke Erhöhung der Prognosequalität für künftige Nachfrage, deutlich geringere Wartungskosten (10-40 Prozent) sowie Ausfallzeiten der Maschinen, fallende Lagerkosten, sinkende „Time to Market“, geringere Kosten für die Qualitätssicherung und eine erhöhte Produktivität.

McKinsey

 

Mit dem Einsatz der neuen, datengetriebenen Geschäftsmodelle werden viele, meist kleine und hochspezialisierte Anbieter auf den Markt drängen, um den Großen jeweils ein kleines Stück wegzunehmen. Diese Anbieter können sehr agil auf neue Technologiesprünge reagieren und erlangen damit einen wichtigen Vorteil gegenüber den etablierten Firmen. Nach Ansicht der Befragten wird die klassische Wertschöpfungskette deutlich stärker fragmentiert. Steigender Druck, das bisherige Geschäftsmodell, das meist ganz auf das Produkt ausgerichtet ist, um die Aspekte „Daten“ und „Service“ zu ergänzen, ist in allen Branchen zu erwarten. 84 Prozent der befragten Zulieferer erwarten nun steigende Konkurrenz durch einen neuen Wettbewerber; bei den Produzenten sind es nur 58 Prozent.

Erheblich ist der regionale Unterschied auch in der Erwartung, ob Tech-Firmen in das klassische Geschäft der Industrieunternehmen eindringen werden. In Amerika, wo schon seit einem Jahrzehnt hautnah zu beobachten ist, wie Google, Amazon, Uber oder AirBnB eine klassische Branche nach der anderen aufmischen, erwarten 92 Prozent der befragten Industriemanager Wettbewerber, die von außen in ihr Geschäftsfeld eindringen wollen. In Japan rechnen 63 Prozent damit, aber in Deutschland nur 46 Prozent. Das kann man als Selbstbewusstsein interpretieren. Aber das hatten die Buchhändler und Schuhverkäufer auch, bevor sie von Amazon oder Zalando in wenigen Jahren „disrupted“ wurden.

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