Glossybox erzielt Gewinn

Glossybox erzielt Gewinn

Charles von Abercron macht jeden Monat 200 000 Frauen glücklich. An so viele verschickt der 30-Jährige edle Lackkarton-Schachteln, mit Satinbändern gebunden, mit knisterndem Seidenpapier ausgelegt. Der Deckel wurde eigens so konstruiert, dass er ein bisschen hakt. Es dauert eine ganze Sekunde extra, bis er den Inhalt preisgibt. So steigt die Spannung, die Vorfreude wächst. In der Box glitzert Luxuskosmetik: Seifen, Cremetöpfchen, Lippenstifte und Puder, die im Laden zwischen 50 und 100 Euro kosten würden. Gezahlt haben die Damen aber nur 15 Euro pro Sendung.

Glossybox

 

 

GlossyboxVon Abercron setzt von Berlin aus eine clevere Geschäftsidee um, die es zuvor nur in den USA gab: Seine Glossyboxen bestückt er mit Beauty-Produkten, die ihm Hersteller aus aller Welt kostenlos zur Verfügung stellen. Im Gegenzug wertet er das Feedback und die Kommentare seiner Kundinnen in sozialen Netzwerken aus – und testet so für die Kosmetikkonzerne den Markt. Ein dufter Deal.

Inzwischen ist er eine konstante Größe im Geschäft mit der Schönheit. Seine Investoren freuen sich jeden Monat mit den Frauen mit. Denn nach drei harten Jahren hat Glossybox 2014 zum ersten Mal Gewinn erzielt – siebenstellig, bei einem Umsatz von rund 30 Millionen Euro. Um 20 neue Mitarbeiter wird das 150-köpfige Team gerade erweitert. Das Geschäft brummt.

Noch Ende 2013 sah alles düster aus. Glossybox wuchs zwar, aber unkontrolliert – und wurde trashig. Die Frauen kündigten ihre Abos reihenweise. Von Abercron musste Läden in zehn Ländern schließen, 200 Mitarbeiter entlassen. „Die Rechnung ist einfach: Nur wenn unsere Kundinnen zufrieden sind, bleiben sie Abonnentinnen“, erklärt der Firmenchef. „Und nur dann verdienen wir Geld.“

Der Adelige wollte eigentlich wie sein Vater Banker werden. Ganz klassisch studierte er Wirtschaft und Jura an einer privaten Uni, stieß über Stationen bei der noblen Rothschild-Bank in Frankfurt 2010 auf Oliver Samwer, den Berliner Start-up-Papst.

Dort lernte von Abercron, wie man Firmen groß macht. 2011 probierte er es dann selbst. Er konnte Bilanzen lesen – von Kosmetik hatte er aber keine Ahnung. Deshalb sollte seine damalige Freundin mit den Firmen verhandeln, um den Nachschub für die Boxen zu sichern. Doch Abercron ist Perfektionist. Er besuchte selbst Messen, verbrachte Zeit in Parfümerien. So merkte er schnell, dass er das bessere Händchen dafür hat auszuwählen, was Frauen gefällt.

In seinem Firmen-Loft in Berlin-Mitte ist der Chef der Einzige mit eigenem Bürozimmer. Aber Berührungsängste darf man in dem Unternehmen nicht haben. „Wir probieren alles aus. Auch die Jungs im Verkauf testen eigenhändig einen neuen Nagellack“, sagt von Abercron. Die Kundinnen füllen anfangs einen Fragebogen aus – damit der Boxinhalt optimal zu ihnen passt. So fühlt sich jede persönlich behandelt.

Früher ist von Abercron von einer Kosmetikfirma zur nächsten getingelt, musste schon mal die Sekretärin bezirzen, um einen Termin beim Chef zu bekommen. Inzwischen ist die Beauty-Industrie froh, auf einen Testkanal wie Glossybox zurückgreifen zu können. Um herauszufinden, ob die deutschen Frauen eine neue japanische Creme oder die Französinnen den amerikanischen Lippenstift mögen, eignet sich die monatlich wechselnde Box prima. Für die Industrie, die noch weitgehend im traditionellen Handel ihre Produkte verkauft, ist Glossybox längst zu einem wertvollen Marktforscher geworden. Da füllen die Hersteller die Lager immer wieder gern mit neuen Produkten auf. Allein in Deutschland abonnieren mehr als 60 000 Frauen eine von den 15 unterschiedlichen Boxen. Ein Sortiment für Männer gibt es auch; aber es ist nicht so erfolgreich.

Die Kundinnen geben entweder direkt Feedback an Glossybox oder diskutieren auf Facebook über die neuen Produkte. Jeden Monat zählen die Auswerter rund 23 000 Einträge. Kein Start-up in Berlin erzeuge mehr Kommentare im Social Web als seine Firma, weiß von Abercron.

Der Jungunternehmer hat deshalb noch viel vor. Er will mehr als Boxen verschicken. „Ich schaffe eine Plattform, auf der Frauen Beauty-Trends entdecken können. Daraus lässt sich eine gute Community aufbauen“, deutet er an. Dort könnten auch gleich die besprochenen Produkte über das Netz verkauft werden.

Aber das sei Zukunftsmusik. Zunächst freut er sich über den Erfolg vonGlossybox und die Gewinne. Und genießt, dass er angekommen ist. „Mit 30 stellt sich der Wunsch einer Work-Life-Balance ein – auch bei mir“, erklärt er.

Doch wer den quirligen Aufsteiger bei der Arbeit beobachtet, kann nicht ausschließen, dass es ihn bald wieder auf Wanderschaft zieht. „Berlin ist kein Beauty-Standort“, sagt er dann schon mal, „Innovation kommt aus Paris und New York.