Die Politik ist das größte Problem für die Digitalisierung der deutschen Wirtschaft

Die Politik ist das größte Problem für die Digitalisierung der deutschen Wirtschaft

Die Rückständigkeit der deutschen Politik ist aktuell die größte Hürde für die Digitalisierung der deutschen Wirtschaft, hat eine Studie des Think-Tanks “Münchner Kreis” in Deutschland ergeben. Bis zum Jahr 2020 wird die Politik aber von unserem Bildungssystem als größter Bremse abgelöst. Drei Viertel der 517 befragten Experten meinen nämlich, dass unser Bildungssystem vorwiegend Verlierer hervorbringt. Auch die mangelnde Innovationskraft, die zu langsame Umsetzung der Forschungsergebnisse in Produkte und das Festhalten an alten Verhaltensmustern gehören zu den Haupthindernissen auf dem Weg in die digitale Wirtschaft. Erstaunlich: Der als zu unvorsichtig eingestufte Umgang der Deutschen mit dem Schutz ihrer Daten wird ebenfalls als wichtige Hürde gesehen.

Dass die Politik im Votum der Experten weit oben landet, wundert nicht, denn ihre Kompetenz im “Neuland” ist wahrlich ausbaufähig. Der Reflex, lieber tradierte Geschäftsmodelle zu schützen statt neue Ansätze zu fördern, hat das Ansehen der Regierung unter den Experten sicher gemindert. Dazu kommt Untätigkeit in wichtigen Bereichen wie der digitalen Infrastruktur. Deutschland fällt im Breitband-Wettbewerb mit anderen Industrienationen immer weiter zurück, da wir die Investitionen in Glasfaser scheuen. Aber den Aspekt, dass unsere erfolgsverwöhnten Unternehmen aus ihrer Komfortzone herauskommen müssen, um sich besser auf die digitalen Angreifer vorzubereiten, hätte ich höher eingeschätzt. Vor allem der Mittelstand ruht sich zu stark auf seinen Erfolgen aus dem Maschinenbau-Zeitalter aus und läuft Gefahr, den Wandel zur Industrie 4.0 zu verschlafen.

Digitalisierung erhöht Produktivität der Wirtschaft

Dabei ist die Internet-Wirtschaft auch zum zentralen Innovationstreiber für die klassische Industrie in Deutschland geworden. 36 Prozent der inländischen produzierenden Betriebe haben seit Anfang 2013 Innovationen oder neue Geschäftsmodelle eingeführt, für die der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnik wesentlich war. Das ergab der Monitoring-Report „Digitale Wirtschaft“, der vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und TNS Infratest erarbeitet wurde. In dem Bericht wurde auch erstmals ein Zusammenhang zwischen Digitalisierung und Produktivität hergestellt: Nimmt der Anstieg der Digitalisierung einer Branche um einen Prozentpunkt zu, wächst die Produktivität um durchschnittlich 0,28 Prozentpunkte.

Doch hinter diesen Zahlen verbergen sich einige Entwicklungen, die in Deutschland dennoch nicht schnell genug oder sogar in die falsche Richtung laufen. Zum Beispiel nahm 2013 die Zahl der Unternehmensgründungen in der Informations- und Kommunikationsbranche das vierte Jahr in Folge ab. „Damit geht der kleine Gründungsboom der Jahre 2009 bis 2011 endgültig zu Ende“, bilanziert Sabine Graumann von TNS Infratest. Sorgen machen sich die Forscher auch um die zu langsame Digitalisierung der Industrie. „Die Vernetzung von Geschäftsprozessen, für die Themen wie Industrie 4.0 ebenso wichtig sind wie Big Data, spielt bisher kaum eine Rolle in Deutschland“ kritisiert Irene Bertschek vom ZEW.

Huerde fuer Digitalisierung der deutschen Wirtschaft

 

Hier die Detailergebnisse der Zukunftsstudie:

– Politik: “86 Prozent aller befragten Experten stimmen zu, dass die Ressorts in den Ministerien und die Zusammenarbeit in ihrer derzeitigen Form den rasant wachsenden Herausforderungen der digitalen Gesellschaft nicht gerecht werden. Und dieses Missverhältnis wird sich nach mehrheitlicher Expertenmeinung in den kommenden 10 Jahren nicht zum Besseren wandeln. Ein Ressortzuschnitt, der sich immer noch an der Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts orientiert, wird weder unseren digitalen noch volkswirtschaftlichen Herausforderungen gewachsen sein.”

– Bildung: “Diejenigen, die heute eine akademische oder berufliche Ausbildung beginnen, werden in den nächsten Jahren primär nach herkömmlichen Lehrmustern ausgebildet. Sind sie mit ihrer Ausbildung fertig, kommen sie in ein berufliches Umfeld, das immer mehr durch digitale Spielregeln, digitale Geschäftsmodelle und automatisierte Produktionsprozesse (Industrie 4.0) geprägt ist. Schüler, Auszubildende und Studierende werden zwar gut ausgebildet; allerdings nicht ausreichend für die digitalen Anforderungen von morgen. Menschliche Wissensarbeit wird sich zudem gegen lernfähige Algorithmen behaupten müssen. Die notwendigen Fähigkeiten zu IT-Kompetenz, interdisziplinäres Denken und Kreativität bilden jedoch weder die Aus- noch Weiterbildungssysteme ausreichend ab.

– Datenschutz: “Aktuell bestätigen 65 Prozent der befragten Experten die These, dass die Vorbehalte der Nutzer in Deutschland gegenüber Datenmissbrauch zugunsten den Vorteilen der Nutzung digitaler Dienste in den Hintergrund treten. Dies trotz des NSA-Datenskandals. Das Verhältnis, so die Einschätzung der Experten, wird sich in den kommenden Jahren auch nur langsam verändern. Erst nach dem Aufbau von Medienkompetenz und der Entwicklung von IT-Sicherheitslösungen in Deutschland kann der Weg in die „digitale Gesellschaft und Wirtschaft“ souverän beschritten werden. Derzeit bestätigt sich die These, dass bei der Nutzung von Internetdiensten, Smartphones oder Apps Nutzern funktionale und monetäre Ziele wichtiger sind als Datenschutz und IT-Sicherheit”.

– Geringes Innovationstempo: “Deutlich über die Hälfte der an der Befragung beteiligten Experten bestätigt, dass deutsche Unternehmen weniger, langsamer und häufig mit geringerem wirtschaftlichen Erfolg (digitale) Innovationsstrategien umsetzen. Damit bestätigt sich ein gefährlicher Befund für das Innovationsland Deutschland: In Amerika und Asien werden (digitale) Innovationsstrategien derzeit im Vergleich zu Europa beziehungsweise zu Deutschland häufiger, schneller und erfolgreicher umgesetzt. Die deutsche Wirtschaft ist zu sehr auf den eigenen Markt fokussiert. Daher versäumt sie es, von anderen (international) erfolgreichen Strategien zu lernen. Globale Innovationszentren wie das Silicon Valley werden ohne eine differenzierte Betrachtung der Erfolgsfaktoren kopiert. Auch die regionale Übersetzung und deren Adaptierbarkeit in offene Standards bleiben aus. Am Ende verhindert die Heterogenität des europäischen Marktes jegliche tragfähige Strategie, wie den neuen Wettbewerbern wie z.B. China begegnet werden kann.”

– Verharren in alten Handlungsmustern: “Das Festhalten an erfolgreichen Strategien der Vergangenheit bremst den wirtschaftlichen Erfolg in der digitalen Ökonomie. Kundennähe und Schnelligkeit gewinnen gegenüber Fertigungstiefe und Perfektion. Behäbige Organisationsstrukturen, sicherheitsorientierte Bedenken, sowie gelernte Denk- und Handlungsmuster blockieren die Umsetzung innovativer Produktstrategien und Geschäftsmodelle.”

– Forschung und Entwicklung zu langsam: “Die digitale Wirtschaft erfordert schnelles Handeln und Umsetzen. Unternehmen in Deutschland gelingt es nicht, Innovationen schnell in Produkte zu transformieren oder durch die Nutzung von Netzeffekten und Skalierungsstrategien Ökosysteme international aufzubauen. Zur erfolgreichen Einführung von digitalen Produkten sind eine schnelle Erprobung und die gezielte frühzeitige Verbreitung sowie das Einbeziehen von Erfahrungswissen wichtige Voraussetzungen.

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