Wie das Telefon disrupted wird

Wie das Telefon disrupted wird

Nur Insider kennen Twilio. „Noch nicht einmal unsere Nutzer merken, wenn sie unsere Dienste in Anspruch nehmen“, sagt Gründer Jeff Lawson. Denn die Firma aus San Francisco arbeitet meist im Hintergrund für andere Unternehmen. Aber sie das Zeug, die Telekommunikationsgesellschaft des Internet-Zeitalters zu werden, weil sie Anrufe oder SMS intelligent macht. Wer zum Beispiel künftig in seiner Kreditkarten-App eine falsche Abbuchung findet, tippt einfach auf das nebenbestehende Telefonsymbol. Mit dem Anruf im Call-Center werden die Identität des Nutzers und die relevanten Informationen für die fehlerhafte Buchung gleich an den richtigen Ansprechpartner übermittelt. „Weil die Kommunikation in den Kontext eingebettet ist, wird aus einem nervigen 20-Minuten-Telefonat dann ein schnelles 20-Sekunden-Gespräch“, verspricht Seriengründer Lawson.

Die Geschichte von Twilio begann eigentlich schon vor 138 Jahren, als Alexander Graham Bell das Patent für das Telefon einreichte. Seitdem haben sich die Geräte von Wählscheiben über Tastentelefone hin zu Smartphones entwickelt. „Aber die Nutzung des Telefons ist fast unverändert. Man ruft irgendwo an, sagt seinen Namen und was man möchte. Der Telefonanruf ist dumm- und das wollen wir nun ändern“, kündigt Lawson an.

Damit das funktioniert, wird die Kommunikationstechnik in die Cloud verlagert. Ein Unternehmen, das mit seinen Kunden per Telefon oder SMS kommunizieren will, musste dafür bisher meist teure Hardware kaufen. Und wer in vielen Ländern aktiv ist, war gezwungen, überall die nötige Infrastruktur aufzubauen. Web-Firmen, die in kürzester Zeit in aller Welt präsent sein müssen, haben dafür aber weder Zeit noch Geld. Lawson hat den Bedarf als Erster gesehen und stellt den Web-Firmen diese Infrastruktur zur Verfügung. In etwa 200 Ländern ist Twilio inzwischen aktiv, vermittelt jeden Tag etwa 20 Millionen Kommunikationsvorgänge. Und wächst dabei rasant: Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte zählt Twilio zu den drei schnellstwachsenden Softwarefirmen in den USA. Zwischen 2009 und 2013 ist der Umsatz um 25248 Prozent nahezu explodiert.

Zu den Web-Firmen, die bereits auf das 350-Mann-Firma aus San Francisco setzen, zählen der Limousinendienst Uber oder der Wohnungsvermittler Airbnb. „Wer zum Beispiel von Uber eine SMS bekommt oder wenn der Kunde aus der App heraus mit dem Fahrer telefoniert, nutzt Twilio. SMS und Telefonat laufen über unsere Systeme. Der Fahrer weiß in diesem Fall dann genau, welcher Kunde bei ihm anruft und wo er gerade wartet. Mit dem Telefonat wird also der Kontext mitgeliefert“, erklärt Lawson. Im Moment gehen die Anrufe noch über die ganz normalen Telefonleitungen. Die Kunden rufen aber gar nicht die tatsächliche Handy-Nummer des Fahrers an, sondern eine Twilio-Nummer. Und der Fahrer kennt die richtige Nummer seines Kunden nicht, sondern wählt ebenfalls nur eine Twilio-Nummer, die dann weitergeleitet wird. „Denn Uber möchte nicht, dass seine Kunden den Fahrer am nächsten Tag direkt anrufen können und die Kunden möchten nicht, dass die Fahrer ihre private Nummer kennen. Das System bietet also Sicherheit für beide Parteien“, verspricht Lawson.

Eines der nächsten großen Wachstumsfelder sieht Twilio im „Internet der Dinge“. Bis zum Jahr 2020 sollen 50 Milliarden Geräte verbunden sein, schätzt der Telekomausrüster Ericsson. Diese Geräte – Autos, Mobiltelefone, Heizungen, Transportcontainer – müssen miteinander kommunizieren. Diese Job will Twilio übernehmen. „Wir sind die Brücke zwischen der physischen Welt und der Computer-Welt. Wenn Sensoren etwas messen, zum Beispiel einen freien Parkplatz, werden die Ergebnisse in die Cloud übertragen. Von dort wird dann der Mensch informiert. Für beide Wege – vom Sensor in die Cloud und von dort zum Menschen – ist Kommunikation nötig. Dann kommen wir ins Spiele“, hofft Lawson.

Der Markt ist riesig. Nach Schätzungen von IDC wird der Markt für Cloud-Kommunikation in den kommenden fünf Jahren auf 7,5 Milliarden Dollar wachsen. Doch eine Konkurrenz der Telekommunikationsunternehmen wie der Deutschen Telekom fürchtet Lawson nicht. „Innovation liegt nicht in den Genen der Telefongesellschaften“, lautet sein Urteil. Auf lange Sicht sieht er allerdings drei veritable Konkurrenten: Facebook, Google und Amazon.

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