Industrie 4.0 ist Chefsache, kommt aber in Deutschland kaum voran

Industrie 4.0 ist Chefsache, kommt aber in Deutschland kaum voran

„Industrie 4.0“ ist das Top-Thema für die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Ähnlich wie zuvor die Mechanisierung (-> Webstühle), die Massenproduktion (->Fließband) und die Automatisierung (->Fertigungsroboter) die Wirtschaft tiefgreifend verändert haben, wird nun die weitgehende Vernetzung von Menschen, Maschinen und Produkten eine neue Art des Wirtschaftens hervorrufen. Obwohl Deutschland als Erfinder des Begriffs eine Vorreiterrolle für sich reklamiert, steckt das Thema in den meisten Unternehmen noch ganz in den Anfängen, zeigt eine Studie des Porsche-Beratungsunternehmens MHP. Nur etwa 6 bis 8 Prozent der Befragten setzen das Konzept schon konkret um oder entwickeln digitale Produkte. Zu wenig greifbar und zu geringe Transparenz des konkreten wirtschaftlichen Nutzens gelten die Haupthürden für das Megaprojekt, hat die Studie ergeben. Immerhin: Anders als Social Media hat es Industrie 4.0 aus dem Stand zur Chefsache in der deutschen Industrie geschafft, die das Thema sehr ernst nimmt, zumal die Amerikaner, Briten und Chinesen das digitale Wirtschaften auch für sich entdeckt haben. Allerdings fällt die notwendige Zusammenarbeit der Branchen noch schwer, wie die Plattform „Industrie 4.0“ zeigt, wo die Verbände der Informationstechnik, des Maschinenbaus und der Elektrotechnik mehr gegeneinander als miteinander arbeiten.

80 Prozent der Industrie stufen „Industrie 4.0“ als wichtig ein

Doch wie weit sind deutsche Unternehmen auf dem Weg in die vierte industrielle Revolution schon gekommen? Eine Umfrage des Porsche-Beratungsunternehmens MHP zeigt, dass immerhin drei Viertel der Entscheider in den Branchen Automobil und Fertigung das Konzept kennen. Die höchsten Bekanntheitswerte erreichen dabei die Entscheider im Maschinen- und Anlagenbau; die niedrigsten Werte waren bei den Autoherstellern zu verzeichnen. Je höher die Hierarchieebene, desto bekannter ist das Konzept.

Offenbar hat ein großer Teil der befragten Manager die Relevanz des Themas verstanden. Denn knapp 80 Prozent stufen Industrie 4.0 als wichtig oder sehr wichtig ein, vor allen die Autohersteller und Maschinen- und Anlagenbauer. Dagegen wird Industrie 4.0 von den Automobilzulieferern als weniger wichtig eingeschätzt.

Aber nur wenige Unternehmen setzen „Industrie 4.0“ schon um

Doch zwischen dem Erkennen der Bedeutung und entsprechendem Handeln scheint ein langer Weg zu liegen. Obwohl die Idee nun schon einige Jahre auf dem Markt ist, gibt nur knapp die Hälfte der Befragten an, dass sich das eigene Unternehmen mit Industrie 4.0 beschäftige. „Beschäftigung“ bedeutet aber nicht zwingend konkrete Umsetzung, sondern mehrheitlich Informationsbeschaffung. 31 Prozent dieser Gruppe gaben geben an, noch in der Phase des Wissensaufbaus zu stecken; 23 Prozent arbeiten immerhin in entsprechenden Arbeitskreisen der Industrie mit. Aber nur 17 Prozent befinden sind schon in der konkreten Umsetzung und gar nur 12 Prozent der befragten Unternehmen entwickeln Produkte oder Dienstleistungen für die digitale Wirtschaft. Hochgerechnet auf alle befragten Unternehmen sind also nur 6 bis 8 Prozent konkret dabei, Industrie-4.0-Konzepte umzusetzen.

Industrie 4.0 ist Chefsache

Anders als Social Media, das meist im Bottom-up-Ansatz angeschoben und damit vielfach von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, ist Industrie 4.0 in den meisten Unternehmen von Beginn an Chefsache. 48 Prozent siedeln das Thema ist der oberen Führungsebene an; in weiteren 40 Prozent ist Industrie 4.0 immerhin schon im Mittelbau angekommen. Wie alle tiefgreifenden Change-Prozesse wird auch die vierte industrielle Revolution nur im Top-down-Ansatz funktionieren.

Wirtschaftlicher Nutzen von Industrie 4.0 nicht transparent

Als Hemmnisse werden vor allem die zu geringe Transparenz des ökonomischen Erfolgs sowie die eigenen Prozesse und Arbeitsorganisation im Unternehmen gesehen. Weitere 15 Prozent bewerten die fehlenden Standardisierungen als hinderlich. Sicherheitsaspekte nannten 10 Prozent als Grund, das Thema nicht anzugehen.

50 Prozent trauen Deutschland eine Vorreiterrolle zu

Vier von fünf Managern sehen Industrie 4.0 als erstrebenswert an. 58 Prozent trauen Deutschland dabei eine Vorreiterrolle in dem Thema zu, während ein Viertel nicht glaubt, dass die deutsche Industrie die Weltmarktführerschaft erringen kann. „In den geführten Gesprächen wurde mehrfach betont, dass deutsche Unternehmen bei innovativen Themen grundsätzlich zu zögerlich und wenig risikobereit sind“, heißt es in der Studie.

Was nun zu tun ist: Schneller auf Kundenwünsche reagieren

Auf die Frage, welche Fähigkeiten nun gefragt sind, weisen eine schnellere Reaktion auf Kundenwünsche und mehr Flexibilität die höchsten Werte in den kommenden fünf Jahren auf. Dies wird in allen Hierarchieebenen des Unternehmens so gesehen. Deutliche Unterschiede zwischen Top- und Mittelmanagement zeigen sich allerdings bei den Fähigkeiten „Time to Market“ und „Produktindividualisierung“. Die Entscheider messen beiden Aspekten eine stark steigende Bedeutung bei, während das mittlere Management hier wenig Änderungsbedarf sieht.

Internet der Dinge und Big Data gewinnen an Relevanz

Auf die Frage nach den Technologien, die in den kommenden Jahren stark an Bedeutung gewinnen, wurden vor allem das Internet der Dinge und Big Data genannt. Auch der Stellenwert der Public Cloud legt deutlich zu, während das Konzept der Private Cloud kaum an Bedeutung gewinnt. Das ist nicht weiter verwunderlich, da die Vorteile einer privaten Cloud gegenüber bisherigen Konzepten nur sehr klein sind und eher den Datenschutz denn der Produktivität im Fokus haben.

Mit der Vernetzung und der Verlängerung der Wertschöpfungskette bis zum Smartphone in der Hand des Verbrauchers nimmt die Datenmenge in den Unternehmen exponentiell zu. Der Wert dieser Daten wird in allen Sparten der Unternehmen steigen, erwarten die Befragten.

Neue Organisation der Arbeit: Projekte statt Abteilungen

Industrie 4.0 bedeutet auch, das Produkt vom Kunden her zu denken und die eigene Entwicklung und Produktion danach auszurichten. Das ist für viele Unternehmen neu und erfordert daher eine andere Organisation der Arbeit. Das wurde auch schon erkannt: 87 Prozent der Befragten wollen ihre Beschäftigten künftig stärker in Projektstrukturen organisieren. 60 Prozent sehen sogar die Auflösung der Abteilungsgrenzen als notwendig an, auch wenn nur ein kleiner Teil erwartet, dass dies auch tatsächlich geschieht.

Das digitale Produkt vom Kunden her zu denken bedeutet auch, die Forschung- und Entwicklung enger mit der Produktion zu verzahnen. Fast alle Befragten sind mehr oder weniger dieser Ansicht; die Zustimmung fällt in der Produktion allerdings deutlich höher aus als in der F&E-Abteilung, die ihre Freiheit in Gefahr sieht.

Dass Industrie 4.0 steigende Ausgaben für Informationstechnik bedeutet, ist wenig überraschend. Verwunderlich ist allerdings, dass der größte Zuwachs in der Logistik erwartet wird. In allen Bereichen wird aber eine bessere Zusammenarbeit mit der IT-Abteilung erwartet.

Aktuell wird noch wenig in Industrie 4.0 investiert

Da vielen Unternehmen der wirtschaftliche Nutzen von Industrie 4.0 noch nicht klar ist, wird bisher entsprechend wenig investiert. In allen betrachteten Branchen werden die Investitionen heute als niedrig bis sehr niedrig eingestuft. Der Maschinen- und Anlagenbau weist etwas höhere Werte als die Autoindustrie auf. Allerdings wird die Investitionsbereitschaft in fünf Jahren in allen Branchen als hoch eingestuft.

Einsatz von Industrie-4.0-Technologien

Viele benötigte Technologien wie Cyper-Physische-Systeme oder digitale Produktgedächtnisse sind in den befragten Unternehmen schon vorhanden. 43 Prozent gaben an, aus ihren Produkten schon Informationen über die Nutzung der Kunden zu entnehmen. Weitere 25 Prozent planen den Einsatz dieser Technologien. Relativ hoch ist auch der Anteil der vernetzbaren Produkte, während die Möglichkeit zur Lokalisierung per GPS seltener vorhanden ist.

Die Bedeutung eines standardisierten Produktmanagements, um die Daten aus den vernetzten Produkten zu sammeln und auszuwerten, wird in allen Unternehmen stark zunehmen, erwarten die Befragten. Besonders die Maschinen- und Anlagenbauer sehen in diesem Thema einen großen Bedarf. Das gilt auch für eine systematische Nutzung dieser Daten für den Vertrieb.

Der Kunde spielt in der Produktentwicklung noch kaum eine Rolle

Wie stark Industrie 4.0 einen Wandel auch in den Köpfen der Manager erfordert, zeigt die Frage nach der Integration der Kunden in die Entwicklung der Produkte. Denn heute bewerten die meisten Unternehmen die Einbindung als gering. Hier liegt vielleicht der größte Vorsprung der Amerikaner, deren Internetunternehmen diese Denkweise bereits verinnerlicht haben. Google, Apple, aber auch Cisco werden versuchen, ihre Vorteile aus dem Consumer-Internet auf das Internet der Dinge zu übertragen. Hier sollten die deutschen Konzerne den Kontakt zu Start-ups wie Tado oder Relayr suchen, um aus Sicht ihrer Kunden auf ihr Produkt zu blicken.

Wie wenig diese neue Sicht der Dinge schon erlernt ist, zeigt die Frage nach der Bedeutung von Social Media für die Entstehung eines Produktes. Zwar wird Social Media immerhin eine mittlere Bedeutung für die Kenntnis der Kundenbedürfnisse zuerkannt, aber im Prozess der Produktentstehung spielen die sozialen Netze bisher kaum ein Rolle. Auch in den kommenden fünf Jahren wird die Rolle von Social Media gering bleiben, hat die Befragung ergeben. „Dies bedeutet letztlich, dass sich die Unternehmen zwar für die Kundenbedürfnisse interessieren, dieser allerdings nicht zwangsläufig auch im Entwicklungsprozess berücksichtigen. Hier besteht Handlungsbedarf“, heißt das im Beraterdeutsch.

Industrie 4.0 in der Produktion: Flexibilität hat höchste Priorität

Die Produktion kurzfristig umstellen zu können, um auf Änderungen der Nachfrage reagieren zu können, genießt eine besonders hohe Bedeutung in den befragten Unternehmen. Die typischen Vorlaufzeiten zu verringern gehört ebenfalls zu den wichtigen Anforderungen. Social Media spielt auch in der Produktion weder heute noch in Zukunft eine wichtige Rolle, lautet die Einschätzung der Befragten. Darin spiegelt sich die Enttäuschung über viele Social-Media-Projekte der vergangenen Jahre wider. Social Media ist auf dem Weg durch die Instanzen eindeutig in den unteren Management-Ebenen stecken geblieben, während Industrie 4.0 gleich ganz oben in der Hierarchie aufgesetzt wurde.

Relevanz von Industrie-4.0-Konzepten in der Produktion

Viele Konzepte wie die Automatisierung oder die intelligente Fernwartung sind in den Unternehmen schon im Einsatz. Die größten Zuwächse werden allerdings in der Machine-to-Machine (M2M) Kommunikation erwartet, gefolgt vom Mobile Device Management und Planungsalgorithmen. Selbststeuernde Produktionsprozesse sind noch wenig verbreitet, werden aber von 13 Prozent schon konkret geplant und sind für 56 Prozent immerhin denkbar. Augmented Reality in der Produktion ist ein Nischenthema und wird es auch wohl bleiben. Ganz im Gegenteil zu den sogenannten Rapid-Manufacturing-Technologien wie 3D-Druck, der im Hype-Cycle gerade den Boden der Tatsachen erreicht hat und nun in die langsame, aber stetige Implementierungsphase startet. Während die Bedeutung dieser Technologien heute nur von 15 Prozent als hoch eingestuft wird, sehen 56 Prozent diesen hohen Stellenwert in fünf Jahren. Diese gleiche rapide Entwicklung wird in der Automatisierung gesehen.

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Logistik hinkt hinterher

Im Gegensatz zu Produktentstehung und Produktion hinkt die Logistik auf dem Weg zur Industrie 4.0 hinterher. „Smart Labels, autonome Transportsysteme und Cyper-Physische-Systeme werden bislang kaum genutzt“, lautet die aktuelle Bestandsaufnahme. Entsprechend hoch wird der Investitionsbedarf gesehen, vor allem in der Gewinnung von Echtzeitdaten und der Entwicklung autonom agierende Logistiksysteme.

Wirtschaftsspionage als größte Gefahr für Industrie 4.0

Deutsche Manager wären keine deutschen Manager, wenn Wandel nicht auch massive Ängste auslösen würde. Die größte Gefahr einer vernetzten Wirtschaft liegt nach Ansicht der Befragten in der Wirtschaftsspionage, gefolgt von Imageschaden als Folge der befürchteten Produktpiraterie. Alle Unternehmen wollen daher in den kommenden Jahren etwas mehr in den Datenschutz investieren, auch wenn die Bedeutung auch dann eher im Mittelfeld bleibt.

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