Industrie 4.0: Verspielt Deutschland gerade seine Zukunft?

Industrie 4.0: Verspielt Deutschland gerade seine Zukunft?

Die Mahnung war deutlich. „Industrie 4.0 darf kein bloßes Schlagwort bleiben“ kritisiert Günther Oettinger, der als EU-Kommissar nun für die digitale Wirtschaft verantwortlich ist. Die digitale Revolution vollziehe sich schneller, als es viele Akteure in Politik und Wirtschaft wahrhaben wollen, treibt Oettinger vor allem die Deutschen zur Eile an. Denn hinter dem Begriff Industrie 4.0 verbirgt sich das große Zukunftsprojekt der deutschen Wirtschaft: Die komplette Digitalisierung von Produktion und Logistik bis hin zum Verbraucher, der über das Internet quasi direkt mit der Werkshalle verbunden ist. Eines Tages sollen Maschinen, Transportcontainer und Produkte automatisch zusammenarbeiten; der Kunde kann seine Produkte dann individuell zusammenstellen.

„Der Hype um Industrie 4.0 ist vorbei“

Deutschland will mit der Initiative seine Vorzeigebranchen wie den Maschinenbau, die Autoproduktion oder die Elektrotechnik fit für das digitale Zeitalter machen. Das Problem dabei: Das Mammutprojekt kommt nur in Minischritten voran; die großen Erwartungen haben sich bisher nicht erfüllt. „Der Hype ist vorbei. Aber im nächsten Jahr kommen viele Produkte in die Serienreife und die Vorreiter beginnen, echte Geschäfte zu machen“, erwartet Michael ten Hompel, Logistik-Professor an der TU Dortmund.

Vor allem der Mittelstand will von der neuen Technik aber noch nichts wissen. In einer Umfrage der DZ Bank gab die Hälfte befragten Unternehmen an, dass Digitalisierung in der Produktion für sie nicht relevant sei. „Ganz eindeutig werden die Chancen der Digitalisierung in einem großen Teil des Mittelstands nicht erkannt. Es überwiegen die Ängste“, sagte DZ-Bank-Vorstand Stefan Zeidler.

Derweil ist die Konkurrenz nicht untätig. Vor allem die USA und Großbritannien haben mit Hilfe der Informationstechnik ihre lange vernachlässigten Betriebe wieder wettbewerbsfähig gemacht. „Wenn wir Industrie 4.0 nicht umsetzen, dann tun es andere. Und wenn wir es umsetzen, müssen wir es schnell tun, denn unsere globalen Wettbewerber sind auch längst aktiv“, mahnt auch Dieter Kempf, Präsident des IT-Branchenverbands Bitkom.

Kritik an „Plattform Industrie 4.0“

Ansätze gibt es genug. Um die Zusammenarbeit zwischen den großen Branchen zu verbessern, wurde zum Beispiel die „Plattform Industrie 4.0“ gegründet, die von den Verbänden der Elektrotechnik, des Maschinenbaus und der IT-Wirtschaft betrieben wird. Eigentlich ein richtige Idee. „Aber wenn man sich die Ergebnisse anschaut, dann ist die Zusammenarbeit offenbar schwieriger als gedacht. Am Ende des Tages fehlen mir die Dynamik und die Ergebnisse“, kritisiert Thomas Bauernhansl, Leiter des Fraunhofer-Insituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) in Stuttgart und einer der Vordenker für das Konzept. „Da muss einiges passieren. Denn es gibt schon eine Gegenbewegung in den USA, das Industrial Internet Consortium. Beide Organisationen bemühen sich um die Deutungshoheit und die Zuständigkeit, die Standards zu setzen“, erklärt Bauernhansl den wichtigen globalen Wettstreit um das industrielle Internet.

Auch Wolfgang Wahlster, Chef des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken und einer der Industrie-4.0-Päpste in Deutschland, mahnt zur Eile. „Wir müssen jetzt Vollgas geben, um unsere Pole-Position in einen Start-Ziel-Sieg bei der Standardisierung umzusetzen: das geht nur über offene Standards, die aber aus Deutschland getrieben werden müssen. Derzeit versuchen Amerikaner und Asiaten aus ihrer starken Position in der Internettechnologie uns bei der Standardisierung zu überholen. Aber dort fehlt den Konsortien das Know-How im Bereich der eingebetteten Intelligenz im Maschinen- und Anlagenbau“, hofft Wahlster.

„Autohersteller spielen mit dem Feuer“

Während die Deutschen also auf ihre Expertise in der Produktion hoffen, werfen die Amerikaner ihre Stärke im Konsumenten-Internet in die Waagschale. „Im Geschäft mit dem direkten Kundenkontakt im Internet haben wir das Rennen schon gegen Google, Apple oder Amazon verloren. In der Produktion und Logistik sind wir gesetzt – diese Chance dürfen wir nicht verpassen“, mahnt ten Hompel. Diese direkten Kontakte suchen die Amerikaner aber längst auch außerhalb der Computer und Smartphones, wofür das Google-Auto das beste Beispiel ist.. „Google findet man schon in einigen Autos. Aus meiner Sicht spielen die Autohersteller mit dem Feuer. Denn wenn Google die Daten erst einmal hat, besitzt es auch den Kontakt zu Kunden“, sagte Christian Till Roga von der Telekom-Tochter T-Systems auf dem Zukunftskongress Logistik in Dortmund in der vergangenen Woche. 40 Autohersteller, darunter Volkswagen und Opel, wollen den Besitzern ihrer Autos ermöglichen, ihre Google-Smartphones anzuschließen. Dann werden Navigation, Telefonie oder Unterhaltung komplett von Google-Diensten geleistet. Noch ist aber keineswegs ausgemacht, dass die US-Techfirmen auch diesen Wettbewerb gewinnen. „In der vernetzten Welt braucht mal viele Kompetenzen. Man braucht nicht nur Software, sondern auch Hardware – Produkte zu Anfassen wie Heizungen und Kameras. Unterschätzen Sie nicht, wie schwierig es ist, wirklich gute Produkte herzustellen“, gibt sich Bosch-Chef Volkmar Denner optimistisch.

Um Industrie 4.0 voranzubringen, möchte ten Hompel gerne die großen Konzerne wie SAP, Siemens und Bosch in einem nationalen Konsortium vereinen. „Noch in diesem Jahr müssen sich die Unternehmen zusammenfinden. Wir dürfen keine weitere Zeit verlieren. Aber das ist bisher nur ein Wunsch“, sagt ten Hompel.

„Schweiz der Daten“

In Deutschland gibt es viele Unternehmen, die in Industrie 4.0 investieren und dabei richtig viel Geld in die Hand nehmen. „Mir fehlt aus deutscher Sicht aber die Vision, wie wir uns auf dem Weltmarkt positionieren wollen. Warum werden wir nicht zur „Schweiz der Daten“? Wir haben den höchsten Datenschutz und könnten maximale Sicherheit für alle Unternehmen auf der Welt anbieten. Wer möchte seine sensiblen Daten schon amerikanischen Softwarekonzernen anvertrauen?“, sagt Bauernhansl.

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