„Industrie 4.0 darf kein bloßes Schlagwort bleiben“
Günther Oettinger

„Industrie 4.0 darf kein bloßes Schlagwort bleiben“

Günther Oettinger, der neue EU-Kommissar für die digitale Wirtschaft, will die digitale Transformation der deutschen Wirtschaft schneller vorantreiben. Doch das wird schwierig. Denn der Mittelstand hat keine Eile – sondern Angst vor der Digitalisierung. Die Furcht vor einem Datenleck oder der Abhängigkeit von technischer Infrastruktur wiegt schwerer als schrumpfende Margen und neue Wettbewerber. 

 

Günther Oettinger, der neue EU-Kommissar für die Digitale Wirtschaft, hat in seinem ersten Interview die Schwerpunkte seiner Arbeit umrissen.

1. Deutschland muss die Digitalisierung schneller vorantreiben als bisher. „Wir müssen die Geschwindigkeit unseres Handelns deutlich erhöhen. Die Revolution vollzieht sich schneller, als es viele Akteure in Politik und Wirtschaft wahrhaben wollen. Die Digitalisierung muss ein Top-Thema werden in Deutschland und Europa“, sagte Oettinger.

2. Nachdem Deutschland schon das Consumer-Internet weitgehend an die Amerikaner abgegeben hat, scheint Oettinger seinen Fokus vorwiegend im industriellen Internet zu sehen. „Neben der IT-Industrie kommt es vor allem auf Maschinenbau, Fahrzeugbau und Elektrotechnik an. Industrie 4.0 darf kein bloßes Schlagwort bleiben“, so Oettinger. Es dürfe nicht dazu kommen, dass Google künftig Produkte wie Autos oder Fernseher herstelle und europäischen Unternehmen die Rolle der Zulieferer bleibe. Offenbar scheint er die bisherigen Bemühungen, die Vernetzung der Industrie unter dem Begriff „Industrie 4.0“ voranzutreiben, mehr als Standortmarketing denn als konkrete Schritte zu sehen. (In der Digitalen Agenda der Bundesregierung kommt der Begriff immerhin acht Mal vor.)

Ohne Amerikaner keine Vernetzung

Ohne Hilfe der Amerikaner wird die Vernetzung allerdings nicht funktionieren. Als die Investmentbank Goldman Sachs jüngst die 17 Technologie-Aktien aufzählte, die stark vom „Internet der Dinge“ profitieren, waren neben zehn US-Konzernen noch Unternehmen aus Großbritannien, der Schweiz, Holland, Taiwan, Japan und Südkorea dabei. Deutsche Firmen kamen in der Liste, die vorwiegend Infrastrukturanbieter umfassten, nicht vor.

Dabei gehört das industrielle Internet, also die Vernetzung von Maschinen, zu den großen Zukunftsprojekten der deutschen Wirtschaft. Deutschlands Vorteil ist die starke industrielle Basis in den traditionellen Branchen. Aber wir haben den Nachteil, in der Informationstechnik nicht zur Weltspitze zu gehören. Das führt zu der Situation, dass in Amerika vor allem IT-Unternehmen wie Google, Cisco oder IBM das Thema (auch) für ihre Industriekonzerne vorantreiben, während in Deutschland die Autohersteller oder Maschinenbauer weitgehend auf sich allein gestellt sind. Das bedeutet auch: Im Wettbewerb um das Internet der Dinge trifft amerikanische Schnelligkeit auf deutsche Gründlichkeit. Offensichtlich kommt das amerikanische Modell im Moment schneller voran. Der Vorsprung, den die Deutschen als Erfinder des Themas einmal hatten, ist dahin.

Wertschöpfung verschiebt sich nach Amerika

Verloren ist noch nichts. Aber Deutschland sollte gewarnt sein: Im Konsumenten-Internet haben US-Konzerne wie Google oder Apple in einem Jahrzehnt die Weltmärkte erobert. Im Internet der Industrie werden sich die Kräfteverhältnisse sicher nicht so schnell drehen. Aber mit jedem Jahr, in dem die Informationstechnik tiefer in die traditionellen Branchen eindringt, verschiebt sich die globale Wertschöpfung ein Stück Richtung Amerika. General Electric, Tesla oder Googles Nest haben im Wettbewerb mächtige Mitstreiter in eigenen Land, die Siemens, Daimler oder RWE fehlen.

Offenbar ist aber der Druck, das industrielle Internet schnell voranzutreiben, in Deutschland nicht allzu stark ausgeprägt. Eine Repräsentativ-Befragung deutscher Mittelständler nach der Relevanz digitaler Technologien im Herstellungs- und Wertschöpfungsprozess zeigt: Für ein gutes Drittel spielt die Digitalisierung ihres Geschäftes keine Rolle. In den nächsten Jahren wird der Wert zwar sinken. Aber 28 Prozent der Mittelständler erwarten, dass die Digitalisierung auch künftig an ihnen spurlos vorbeigeht.

 

Das ganze Dilemma: German Angst

„Ganz eindeutig werden die Chancen, welche die Digitalisierung bietet, in einem großen Teil des Mittelstandes nicht erkannt. Es überwiegen die Ängste“, zitiert FAZ-Kollege Carsten Knop den Initiator der Studie, Stefan Zeidler von der DZ Bank. 90 Prozent sorgen sich um den Datenschutz, fast 80 Prozent befürchten eine zu hohe Abhängigkeit von einer technischen Infrastruktur und 62 Prozent erwarten, dass eine größere Transparenz im Markt auf die Margen drücken könnte. Immerhin 52 Prozent der befragten Mittelständler sind sich bewusst, dass die Konkurrenz die Digitaltechnik einsetzen und damit stärker werden könnten. Und immerhin 46 Prozent erwarten einen steigenden Wettbewerb durch Start-ups und branchenfremde Anbieter.  Mit anderen Worten: Die Mittelständler sind sich schon bewusst, dass die Digitalisierung auf ihre Margen drückt und neuen Wettbewerbern die Tür zu „ihren“ Märkten öffnet, aber sie haben Angst, die Daten nicht schützen zu können und abhängig von der Technik zu werden. Dass in diesem Umfeld die Innovationen ausbleiben, verwundert dann nicht mehr. Auf die Idee, neue Mitarbeiter einzustellen, die Datenschutz und Technik beherrschen, kommen dann offenbar auch nur wenige Mittelständler.

 


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