Firechat: Internet von Mensch zu Mensch

Firechat: Internet von Mensch zu Mensch

Eigentlich ist FireChat (Apple/Google Play) ein Prototyp für ein neues Internet. Ohne zentrale Netzwerkrechner, ohne NSA, ja sogar ohne klassischen Online-Zugang. Denn die App des kalifornischen Unternehmens Open Garden verknüpft einzelne Handys miteinander. Die Besitzer können dann anonym Textnachrichten oder Fotos über kurze Distanzen austauschen. Seitdem die App am 20. März in App-Store von Apple aufgeschlagen ist, steigt die Popularität steil an. In vielen Ländern, darunter auch Deutschland, ist FireChat schnell unter den Top-10 in den App-Charts für soziale Netzwerke geklettert. Mehr als 100000 Nutzer laden sich die App jeden Tag herunter, erklärt Gründer Micha Benoliel, der aber klar sagt, dass FireChat eben keine Konkurrenz für WhatsApp oder Snapchat ist. Denn das Konzept unterscheidet sich grundlegend.

FireChat (1)

FireChat ist die erste App, die eine neue Funktion in Apples aktuellem iPhone-Betriebssystem iOS 7 nutzt. Mit dieser  Funktion, die von Apple als „Multipeer-Connectivity-Framework“ bezeichnet wird, können Geräte untereinander Daten per W-Lan oder Bluetooth austauschen. Apple nutzt diese Möglichkeit für seinen Dienst „Airdrop“, mit dem sich Daten leicht von einem Smartphone auf einen Computer übertragen lassen. Doch damit lässt sich viel mehr anfangen, dachte sich Benuliel. Denn es gibt keine Grenzen: Theoretisch lassen sich unendlich viele iPhones miteinander zu einem großen Netz verbinden, über das kommuniziert werden kann – selbst wenn keines dieser Geräte mit dem Internet verbunden ist. Die Einschränkung ist die Distanz: etwa zehn Meter sind das Maximum. Daher eignet sich FireChat vor allem für Orte mit vielen Menschen. Konzerte, Fußballstadien, aber auch Gebiete ohne Internetverbindung, zum Beispiel nach einer Naturkatastrophe. Dann lassen sich lange Smartphone-Ketten bilden und es genügt, wenn am Ende ein Gerät mit dem Internet verbunden ist.

FireChat hat zwei Chaträume: Während unter „Alle“ nur unabhängig voneinander abgesetzte Nachrichten zu lesen sind, bei der Menschen eher zufällig miteinander in Kontakt kommen, liegt der eigentliche Sinn in der Option „In der Nähe“. Damit ist es möglich, Menschen in der Umgebung zu orten und mit ihnen über die neue Funktechnik zu kommunizieren. Solange FireChat aber nicht die kritische Masse an Nutzern erreicht hat, erhalten Nutzer nur den Hinweis, der Einzige zu sein.

Open Garden sieht FireChat aber nur als den Beginn weiterer Entwicklungen. Die freie Kommunikation sei nur deshalb als erste Anwendung gewählt worden, weil sie leicht verständlich ist. Weitere Funktionen wie die Eins-zu-Eins-Kommunikation seien schon in Arbeit, sagte Benoliel. Die Schüler freuen sich schon darauf, sich in Klassenzimmer ohne Funkverbindung auf diese Weise zu unterhalten.

Inzwischen funktioniert Firechat nicht nur mit iPhones, sondern auch mit Android-Geräten. Auch Google ist an dem Thema schon dran. Mit der Technik lassen sich zum Beispiel Verbindungen zwischen „digitalen Tattoos“ und Smartphones herstellen. Auch für die Heimvernetzung, in die Google mit dem Kauf des Thermostatherstellers Nest gerade eingestiegen ist, wäre eine solche Vernetzung zwischen Geräten denkbar, kündigte Sundar Pichai an, der für Google die wichtigen Bereiche Android und Chrome leitet.