„Nachrichten bleiben zentral für Facebook“

„Nachrichten bleiben zentral für Facebook“

Eigentlich mögen Verleger das Wort „Algorithmus“ nicht. Mit einer Ausnahme: der Facebook-Algorithmus. Denn der streut immer mehr klassische

Andy Mitchell

Andy Mitchell

Nachrichten in den Newsfeed ein und bringt ihnen damit neue Leser. Im vergangenen Jahr ist dieser Leserstrom von Facebook um 170 Prozent gestiegen. Damit ist aber noch nicht Schluss: „Inzwischen ist die Zahl signifikant höher“, sagte Facebook-Manager Andy Mitchell, der von New York aus die Partnerschaften des Netzwerkes mit den klassischen Medien aufbaut, dem Nachrichtenmagazin FOCUS. „Und es gibt keinen Grund, warum dieser Wert nicht weiter steigen wird. Vielleicht aber nicht mehr ganz so schnell“, sagte Mitchell. Aber: „Nachrichten bleiben zentral für den Newsfeed“.

Facebooks Ziel sei ein möglichst attraktiver Mix aus persönlichen Informationen der Freunde und allgemeinen Nachrichten. „Wir wollen einen Punkt erreichen, wenn die Menschen Facebook aufrufen, dass sie sofort die für sie wichtigsten Nachrichten mit hohen Interaktionsraten entdecken“, sagte Mitchell. Heißt: Erst wenn die Nutzer die Nachricht liken oder kommentieren, ist sie in den Augen von Facebook eine gute und relevante Nachricht. Das kann das gerade geborene Baby einer Freundin ebenso wie die Weltnachricht oder Unterhaltung sein.

Oliver Hinz : TU Darmstadt 4Ein Facebook-Team prüft die Qualität der Nachrichtenquellen. „Die Publisher sollten ein breites Themenspektrum haben und aus vielen Regionen der Welt berichten. Das sind natürlich subjektive Kriterien“, gibt Mitchell zu. Einmal ausgewählt, entscheidet das Engagement der Nutzer, wie oft dieser Beitrag gezeigt wird. Dafür sind drei Kriterien verantwortlich: Likes, Kommentare und wie viele Menschen auf den Link klicken, um die Geschichte dann ganz zu lesen.

Hohe Frequenz und große Bilder

Um mehr Leser zu bekommen, rät Mitchell den Medien, mehr zu posten. „Natürlich muss man dabei das Verhältnis mit seinem Publikum beachten. Von Nachrichtenmedien wie CNN oder der Huffington Post erwarten die Menschen erwarten, dass sie neue Nachrichten im Minutentakt einspeisen. Von Sport- oder Musikmagazine eher nicht“, rät Mitchell. Jedes Medium müsse daher ein Gefühl für den optimalen Takt entwickeln.

Gute Überschriften seien für die Interaktionsrate extrem wichtig. „Und Fotos sollten immer so groß wie möglich angezeigt werden“. Wenig sinnvoll sei es seiner Meinung nach, eine Geschichte mehrmals auf Facebook zu posten. „Wer immer wieder dieselbe Geschichte mit unterschiedlichen Überschriften publiziert, verärgert nur seine Leser. Das fällt auf. Die Publisher sollten lieber eine langfristige Beziehung mit ihren Lesern aufbauen, lautet sein Rat.

Nachrichtenquelle für Tratsch und Klatsch 

Allerdings werden nicht alle Themen gleichermaßen oft in den Netzwerken verteilt. Eine Umfrage von Harris Interactive unter 1100 Onlinern in Deutschland zeigt, dass vor allem Klatsch und Unterhaltungsthemen auf Facebook oder Twitter verteilt werden. Für klassische Nachrichten zu Politik, Finanzen oder Sport sind die sozialen Medien keine wichtige Informationsquelle.

Teilen bedeutet nicht lesen

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Die Frage, ob viele Interaktionen auch die Zahl der Leser nachhaltig erhöhen, die dann auch noch wertvoll für das Medium sind, ist allerdings noch nicht geklärt. Tony Haile, CEO der Web-Analysefirma Chartbeat, berichtet in Time, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen der Häufigkeit des Teilens und der Aufmerksamkeit eines durchschnittlichen Lesers gibt. Sein spannendstes Ergebnis aus einer Analyse von 2 Milliarden Pageviews aus 580000 Artikeln auf 2000 Websites: Nachrichten werden wesentlich intensiver gelesen als die Beiträge, die mit „Top, Best oder Biggest“ beginnen, also typischerweise für die „Klickfänger“ von Buzzfeed & Co. stehen, die inzwischen das ganze Web überfluten. Diese Beiträge werden zwar am häufigsten angeklickt, aber nur selten gelesen. Zudem werden die Beiträge nur von einer vergleichsweise kleinen Gruppe geteilt: Auf 100 Leser entfallen durchschnittlich ein Tweet und acht Likes.

Medien, die nur auf schnelle Klicks aus sind, werden langfristig verlieren, folgert Haile, denn Leser, die sich 3 oder mehr Minuten mit einem Text beschäftigen, kommen doppelt so häufig zurück wie die Leser, die nur eine Minute schauen. Gerade die wiederkehrenden Leser sind aber wertvoll, während die „Linkbait-Writer“ jeder Tag neue trickreiche Überschriften erfinden müssen, um ihr Publikum für einen kurzen Moment anzulocken.

Leser, die von Facebook kommen, bleiben nicht lange

Das Pew Research Institute hat herausgefunden, dass Leser, die eine Website direkt ansteuern, wesentlich länger auf der Seite bleiben als Leser, die eher zufällig von Facebook oder Google dorthin geleitet werden.

Pew-Trafficsourcees

Seiten wie Buzzfeed haben also kein Interesse, eine loyale Leserschaft aufzubauen, sondern sie wollen „Teil der Conversation“ werden, die täglich auf Facebook stattfindet.

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