Facebook lässt die Schnellboote los
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Facebook lässt die Schnellboote los

In den zehn Jahren als Facebook-Chef hat Mark Zuckerberg nur einen einzigen groben Fehler gemacht: An die Börse zu gehen, ohne ein Geschäftsmodell für das mobile Internet zu haben. Ein ganzes Jahr hat Zuckerberg gebraucht, um  a) funktionierende Werbeprodukte für mobile Geräte zu entwickeln und b) die Börse zu überzeugen, dass er Punkt a) auch wirklich geschafft hat. Seitdem steigt der Aktienkurs steil an und verschafft Zuckerberg zum zehnjährigen Bestehen doch noch eine makellose Erfolgsbilanz. Er hat ein Unternehmen mit 1,2 Milliarden Nutzern und einem Börsenwert von 150 Milliarden Dollar aufgebaut, was ihm aktuell 34 Milliarden Dollar Vermögen einbringt. Eine grandiose Leistung, zumal Zuckerberg noch nicht einmal 30 Jahre alt ist.

Quelle: Facebook

Quelle: Facebook

Steht Facebook nun auf seinem Zenit oder vor einem weiteren spektakulären Jahrzehnt, das von mobilen Anwendungen geprägt wird? Mark Zuckerberg ist auf seinem Weg, die Welt zu vernetzen, schon ziemlich weit gekommen. Facebook ist heute die zentrale digitale Infrastruktur für die Verbindungen zwischen den Menschen. Massenphänomene wie Buzzfeed profitieren davon. Aber vielen Menschen ist es auf dem riesigen, generationenübergreifenden Marktplatz zu voll geworden. Der Newsfeed jedes Einzelnen ist überfüllt. Facebooks Versuche, seine Nutzer vor der Informationsflut zu schützen und stattdessen nur die „relevanten“ Beiträge einzublenden, enthalten zwangsläufig eine gewisse Willkür, was sich auch an den fortwährenden Änderungen am Auswahlalgorithmus erkennen lässt.

Kommunikation mit den echten Freunden findet woanders statt

Die Reaktion auf die Überfüllung ist ein nicht zu übersehender Rückzug in die Nische. Vor allem junge Menschen weichen für ihre tägliche Kommunikation mit ihren echten (engen) Freunden auf spezialisierte und mobile Angebote aus, in denen die Kommunikationspartner überschaubar und garantiert nicht die eigenen Eltern sind. (Studenten nutzen WhatsApp im Durchschnitt täglich 68 Minuten, sind 44 Minuten auf Facebook aktiv und verwenden noch 9 Minuten für E-Mails.) Facebook wird also nicht verlassen, sondern von dieser Gruppe nicht mehr für alle Arten der Kommunikation genutzt. Übrig bleibt meist das übliche Schaulaufen, die Präsentation des perfekten Lebens vor der Öffentlichkeit, in dem Negatives nicht vorkommt, was aber immer noch gut funktioniert. Der relevante „Social Graph“ besteht also nicht mehr aus Hunderten angesammelten Facebook-Freunden, sondern immer häufiger aus dem persönlichen Adressbuch auf dem Smartphone, in dem nur die engen Freunde aufgelistet sind. Mark Zuckerberg hat die Segmentierung natürlich erkannt und reagiert mit immer mehr eigenen Angeboten abseits der großen Plattform.

„Not everyone wants to share with all of their friends at once. A lot of the new growth we see is from giving people power to share with different, separate groups of people“, sagte er während der Vorstellung der jüngsten Geschäftszahlen.

Kannibalisiert sich Facebook selbst, bevor es andere tun?

Die große Frage ist nun: Stammen die populären Kommunikationsableger von Facebook selbst oder können sich die jungen Wilden wie WhatsApp oder Snapchat ein Stück aus dem großen Kommunikationsmarkt holen? Dieser Wettbewerb ist heute offen. Die ersten beiden Versuche von Zuckerberg, die Konkurrenz auszustechen, sind gescheitert:

  • Zuckerberg hat versucht, die drei gefährlichsten Konkurrenten zu kaufen. Nur bei Instagram ist es ihm gelungen; WhatsApp und Snapchat sind die Wette eingegangen, ihren Teil der Kommunikation auf Dauer aus dem Facebook-Monopol herausbrechen zu können. Ihre CEOs Jan Koum und Evan Spiegel haben genügend Selbstbewusstsein und Geld, mit Facebook in den Ring zu steigen, ohne sich über ein Geschäftsmodell allzu viele Gedanken machen zu müssen. Mit 430 Millionen aktiven WhatsApp-Nutzern im Monat und 400 Millionen gesendeten Snapchat-Fotos am Tag sind beide Unternehmen inzwischen veritable Konkurrenten geworden.
  • Berechtigungen der Facebook-App

    Berechtigungen der Facebook-App

    Auch der Ansatz, sich mit Facebook Home quasi als Kommunikationszentrale auf den Smartphones über alle anderen Apps zu legen, ist im vergangenen Jahr gescheitert. Ein von Facebook dominiertes und kontrolliertes Smartphone wollten die Nutzer einfach nicht haben. Das hält Facebook allerdings nicht davon ab, sich in den normalen Apps noch mehr Berechtigungen wie das Lesen der SMS zu holen. (siehe Screenshot rechts)

Messenger oder Instagram sollen unabhängig sein

Daher bleibt Facebook heute nichts anderes übrig, als sich dem Wettbewerb „App gegen App“ zu stellen. Zuckerberg setzt dabei auf die Strategie, dass sich die eigenen Apps eigenständig vom Mutterschiff bewegen sollen. Der Messenger, der als Gegenstück zu WhatsApp positioniert wird, zeigt seine Unabhängigkeit von Facebook schon bei der Einrichtung: Kommuniziert werden könne auch mit Menschen, mit denen man auf Facebook nicht verbunden sei. Zuckerberg erklärt dies so:

“Messenger used to feel like a feature of Facebook, but we’re making it more of a standalone app. We’ve even taken it out of the main app, giving it room to breathe as its own experience.”

Die Freiheit von Facebook komme bei den Nutzern gut an; seit November habe die Nutzung um 70 Prozent zugelegt. Auch die „Groups“-Funktion, die eine Einteilung der Freunde in Gruppen ermögliche, um präziser zu kommunizieren, sei mit 500 Millionen Nutzern inzwischen ein Kernprodukt. Instagram wird wohl das Instrument sein, gegen Snapchat zu konkurrieren. Die Funktion „Instagram Direct“ ermöglicht das Senden der Fotos nur an einige Freunde, ist also Snapchat ohne das Verschwinden der Fotos.

Werbung ansehen oder 1 Dollar zahlen?

Doch ob Facebook jemals glaubwürdig ein Produkt anbieten kann, das Snapchat ähnelt, ist fraglich: Facebooks Geschäftsmodell, alle Daten seiner Nutzer zu speichern und für Werbezwecke zu analysieren, passt überhaupt nicht zum Ansatz von Snapchat, dass sich die Fotos nach ein paar Sekunden selbst zerstören. Facebooks erster Versuch, einen direkten Snapchat-Klon zu bauen, ist folgerichtig kläglich gescheitert und einen weiteren direkten Versuch hat Facebook bisher nicht unternommen. Den Nutzern war es offenbar wichtig, sehr persönliche Fotos gerade nicht auf einer Facebook-Plattform zu teilen.

Ähnliche Unterschiede gibt es zwischen Facebooks Messenger und WhatsApp, dessen Chef Jan Koum auf ein Zahlmodell setzt und Werbung kategorisch ausschließt. „Unser Modell basiert nicht darauf, möglichst viel über unsere Nutzer zu wissen. Wir speichern die Nachrichten nicht. Wir kennen nicht die Namen unserer Nutzer, nicht ihr Alter, ihr Geschlecht oder ihre Adresse. Wir wissen nicht, wie sie ihr Geld ausgeben, wo sie wohnen oder was sie essen. Das interessiert uns auch alles nicht“, sagte Koum im FOCUS-Interview (5/2014). Die Nutzer haben jetzt die Wahl zwischen werbefinanzierten und kostenpflichtigen Kommunikationsdiensten. 

Nachrichten sind nur der Anfang

Mark Zuckerberg will in mehr Bereiche vordringen.

“Our vision is to create a set of products that let our users share with any audience they want“.

Wie das aussehen kann, zeigt die neue Nachrichten-App „Paper“. Sie präsentiert neben den normalen Facebook-Funktionen auch Nachrichten, die ein Algorithmus zusammen mit menschlichen Kuratoren aussucht. Zuvor hatte Facebook schon den Nachrichtenanteil im Newsfeed erhöht und blendet auf dem Desktop eine Box mit Nachrichten ein. Die Nutzer bekommen also auch Inhalte angezeigt, die weder von ihren Freunden geteilt noch die sie vorher gelikt haben. Die Nachrichtenauswahl wird also ein Stück unpersönlicher, orientiert sich mehr am Interesse der Masse und nicht nur der Freunde. Auch das ist neu an Facebooks Ansatz für die mobile Welt. Wir dürfen gespannt sein.

Introducing Paper from Facebook on Vimeo.

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